What a man! Wahrhaftig, die Welt wäre besser dran, wenn sie mehr von seiner Sorte hervorbrächte. Derweil bemüht manN sich aber im kultivierten Europa immer noch – vielleicht aber auch wieder, was durchaus schlimmer wäre – darum, das Problem der Gewalt an Frauen klein zu reden, manche gar, die Aufmerksamkeit davon weg und zu weiblicher Gewalt an Männern (die es zweifelsohne auch gibt, denn es gibt ja nichts, was es nicht gibt) hin zu bringen. Ich halte nichts von Gewalt, von keiner Form von Gewalt, aber als ich klein war und auch noch, als ich schon größer war, galt das ungeschriebene Gesetz, dass Gewalt ein No Go ist, dass aber Gewalt eines körperlich Überlegenen an einem körperlich Schwächeren ein NO NO GO ist. In diesem Sinne möchte ich hier gern mein erstes Ausrufezeichen setzen, in Sachen männlicher Gewalt an Frauen, und umgekehrt.

Das zweite Ausrufezeichen, ein großes, gehört (Dr.) Jackson Katz und seiner IMHO geradezu umstürzlerischen Idee über Gewalt, über männliche Gewalt an Frauen, aber nicht nur an ihnen. Sein Vortrag, den ich wieder und wieder gehört und gelesen habe, und wohl noch oft hören und lesen werde, ist für mich eine Offenbarung, eine Demarkationslinie gewissermaßen, nach der nichts mehr ist und nichts mehr sein wird, wie es vorher gewesen war.

Denn während hierzulande die Tatsache alltäglicher und allgegenwärtiger Gewalt an Frauen sich nur mühsam ins Bewusstsein der allgemeinen und breiten Gesellschaft drängen kann, und jedenfalls die Zielgruppe der entsprechenden Präventionsarbeit fast ausschließlich das weibliche Geschlecht aller Altersgruppen ist, sagt J. Katz, dass das Problem der Gewalt an Frauen keineswegs ein Frauen-, sondern in Wahrheit ein Männerproblem ist. Möge dieser Mann – ein Heiliger! – nachhaltigst Gehör und Widerhall finden. Bei mir ist’s ja so, dass mich dieser Verdacht, dass also irgendetwas grundsätzlich verdreht ist in diesem Zusammenhang, schon seit vielen Jahren begleitet, und zwar seit ich begriffen hatte, dass es Frauenparkplätze (Stichwort: Angst-Räume) keineswegs gibt, weil Frauen nicht einparken können – wir können, wir können -, sondern, weil „sich viele Frauen im öffentlichen Raum unsicher fühlen, da sie sexuelle Übergriffe und Gewalt fürchten„. Das nun war ein heftiger Schlag in die Magengrube, ich war zutiefst entsetzt – denn das war (ist) in meinen Augen doch nichts weniger als der ungeheuerliche Ausdruck der Tatsache, dass männliche Gewalt an Frauen als gegeben akzeptiert und gesellschaftlich anerkannt, als „Ordnung der Dinge“ empfunden wird – und also unangetastet bleibt, bleiben kann.

In Tom Meagher’s überaus bewegendem und aufschlussreichem Text – der „The Guardian“-Autor schreibt sich damit direkt unter die Haut der Leserin – „Mythos vom Monster“ fand ich zum ersten Mal eine Bestätigung für diese meine Ahnung – Meagher, dessen Frau Jill erst vergewaltigt und dann getötet wurde, beschreibt das „Konzept“ so: „(…) Oder aber wir gestehen uns ein, dass dieses Verhalten zu einer Kultur beiträgt, die Vergewaltigung und Gewalt gegen Frauen schweigend hinnimmt. (…) So, da stand und steht es also hingeschrieben, und ist nicht mehr aus der Welt zu schaffen.

In diesem Kontext ist es auch absolut folgerichtig – erst jetzt, nach Meagher also, und nach Katz, verstehe ich, was mich daran immer so mächtig irritiert hatte -, dass es die Mädchen und Frauen sind, die mit Sicherheitstipps groß werden und leben lernen, derweil aber der notwendige Paradigmenwechsel keineswegs über sie, sondern in erster Linie über die Arbeit mit (an) Jungen und Männern herbeigeführt werden muss.

Ich kann mich übrigens selbst gut erinnern, wie meine Tochter vor ein paar Jahren aus der Schule kam, und eine Broschüre mitbrachte, mit Sicherheitstipps für Mädchen, und ich weiß noch, wie ich mich gefreut und mir gedacht hatte, endlich, endlich tut sich etwas, endlich bewegt sich etwas, werden Frauen (Mädchen) und ihre Ängste und Nöte wahr- und ernstgenommen. Aber es währte nicht sehr lange, bis mir klar wurde, dass diese Sicherheitstipps ein ebenso scheußlicher Misston waren wie die Frauenparkplätze. Denn beides vermittelt doch Mädchen (aber auch Jungen) und Frauen (aber auch Männern), dass es ganz normal ist für sie, sich ständig in Gefahr wähnen zu müssen – ohne dass sie die aber jemals gesucht und schon gar nicht herausgefordert hätten, sondern nur und ausschließlich, weil sie Mädchen (Frauen) sind. Übrigens: Wirkt es sich eigentlich (und falls ja, wie) auf die Psyche einer Person aus, wenn sie sich nie wirklich und uneingeschränkt sicher fühlen kann, ihr ganzes Leben lang nicht?

Aber dann trat, wie gesagt, nach Tom Meagher wie oben – er hatte den Verständnis-Prozess angestoßen – neulich Jackson Katz in mein Leben, mit seinem  Vortrag „Violence against women – it’s a man’s issue“ oder auch, frei übersetzt: Gewalt an Frauen ist Männersache.

J. Katz sagt darin Dinge wie

denn das ist eines der Hauptmerkmale von Macht und Privileg: die Möglichkeit, ungeprüft weiter gehen zu können.

Bitte, verweile ein wenig über diesem Satz (der übrigens auch ganz leicht – kleiner Exkurs – aus dem Kontext heraus geschnitten und ein wenig weiter geschoben werden kann, dorthin, wo viele, viel zu viele Männer sich so heftig gegen Frauenquoten wehren, und kein Mensch wirklich versteht, warum sie das tun, noch weniger aber, warum sie das mit einer solch irrationalen Wucht und Wut tun, und ich denke mir, wer weiß, vielleicht liegt dieser Hund ja in jenem Satz des J. Katz dort oben begraben, und also in der Sorge, sie, die Männer, könnten künftig – falls Frauen zu große Stücke männlicher Macht übernehmen sollten -, womöglich nicht mehr „ungeprüft weiter gehen“ können.) denn er sagt also, dieser kleine Satz über die Hauptmerkmale und Privilegien der Macht, punktgenau und sehr präzise, worum es geht, in der ganzen, hässlichen Gewalt-Sache, nämlich um die Möglichkeit für (gewalttätige) Männer, ungeprüft weitergehen zu können.

Die Frage/n, die – denen – wir alle (!) uns also stellen müssen, wenn die Spirale(n) der Gewalt unterbrochen werden sollen, sind also nicht die Fragen danach, wie Frauen sich schützen können vor Gewalt, und auch nicht danach, wie die Gesellschaft sie schützen kann vor Gewalt, sondern vielmehr Fragen danach,

„was für eine Rolle [spielen] (…) die verschiedenen Institutionen unserer Gesellschaft, die dabei helfen, misshandelnde Männer in pandemischen Dimensionen zu produzieren? Was für eine Rolle spielen religiöse Glaubensüberzeugungen, die Sportkultur, die Pornographiekultur, die Familienstruktur, die Wirtschaft und wie überschneiden sich diese, und Rasse und Ethnizität und wie überschneiden sich diese? Wie spielt das alles zusammen?“

 oder

Wie können wir die Sozialisation von Jungen und die Definitionen von Männlichkeit ändern, die zu diesen aktuellen Ergebnissen führen? Das ist die Art von Fragen, die wir stellen müssen, und die Art von Arbeit, die wir tun müssen (…).“

Und damit möchte ich das Wort an J. Katz übergeben, denn es gibt nichts, was ich besser sagen könnte als er, der er ein Mann ist. Nur einen Satz noch, zum Abschluss, einen kleinen Satz von einer Frau, der Philosophin Ágnes Heller, die ihn zwar in einem anderen Zusammenhang, aber einem sehr ähnlichen Kontext in die Welt setzte, und sprach sie: „Ich will nicht beschützt werden“ und bindet in diesen einfachen Worten eine ungeheure Wucht und einen ungeheuren Wert, nämlich den, dass keine rechtschaffene Person sollte beschützt werden müssen, und auch nicht sollte lernen müssen, sich zu (be-)schützen.

Denn alle rechtschaffenen Menschen, auch die Schwachen und die Wehrlosen, haben ein unbedingtes Recht darauf, sich in ihrem Leben sicher fühlen zu dürfen.

http://youtu.be/KTvSfeCRxe8 

 

oder auch

mit der Möglichkeit, über den Transcript-Knopf links unten die übersetzte Rede zu holen: http://www.ted.com/talks/jackson_katz_violence_against_women_it_s_a_men_s_issue/transcript

2 Kommentare

  1. Ein sehr guter Bericht. Danke! Zu diesem Thema fallen mir auch die schrecklichen Vergewaltigungsmythen ein, die in unserer Gesellschaft immer noch sehr präsent sind und vor Gericht als Verteidigung angewandt werden:
    Sie hätte ein so kurzes Kleid getragen, ihr Widerwillen hätte so ausgesehen, wie ein Spiel etc. pp. Traurig, dass sich viele Frauen gar nicht trauen, sexuelle Gewalt anzuzeigen, da viele denken, dass sie Mit_Schuld hätten. Viele schämen sich oder haben Angst, dass ihnen nicht geglaubt wird. Was mich auch unfassbar wütend ist unter anderem auch, dass häufig in Filmen oder hochgeputschten Beispielen in den Medien der Mythos aufrecht erhalten wird, dass Frauen ihre „Opferrolle“ ausnutzen, um Männer zu erpressen. Mag sein, dass es einzelne Beispiele dazu gibt, aber faktisch ist eine Vergewaltigung in Deutschland eine praktisch unbestrafte Straftat, da die meisten Frauen aufgrund der „Du bist selbst verantwortlich“-Politik es nicht zu einer Anzeige bringen und dann auch noch die Rechtssprechung so diffus ist, dass selbst von den wenigen Prozenten nur ein geringer Teil bestraft wird.

    1. Danke, Alefanz (schön, dein 2. Name), für diesen Kommentar. Es ist bedrückend, und meine ganz große Hoffnung, dass zunehmend mehr Frauen aufwachen, sich die Augen reiben, hinschauen, und sehen. Hast du übrigens „Angeklagt“, mit Jodie Foster, gesehen? Es ist lange her, aber ich glaube, der Film war gewissermaßen meine „Erweckung“. Ich weiß noch sehr gut, wie ich lange darüber gegrübelt hatte, und dann aber zum Schluss kam: Und wenn sie noch so provoziert hätte – niemand hat, niemals und unter gar keinen Umständen, sich zu nehmen, was ihm nicht zusteht und was ihm nicht freiwillig gegeben wird. À propos: Stehlen ist gesellschaftlich verpönt und eine „Sünde“ – aber niemandem würde wohl je einfallen, einen Dieb damit zu entschuldigen, dass ja schließlich all die schönen und kostbaren Dinge vor seinen Augen ausgebreitet liegen und ihn „provozieren“. Wirklich, je mehr ich darüber nachdenke, desto übler wird die Sache.

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