Ich war gestern, im Gefolge des 25. November, seit 1981 „Internationaler Tag zur Beseitigung der Gewalt an Frauen und Mädchen“ in meinem Heimatort unterwegs auf der Suche nach „Testimonials“ für die Online-Kampagne des Beirates für Chancengleichheit zum bereits erwähnten Gedenk- und Aktionstag. Die Sache ist zu wichtig, als dass wir sie auf die leichte Schulter nehmen dürften: 96 getötete Frauen im laufenden Jahr und nur in Italien, und alle 15 Minuten ein Fall von Stalking oder Misshandlungen, bei keineswegs sinkender Tendenz.

Meine Suche gestaltete sich wider Erwarten recht einfach: Alle, die ich einlud, sagten mehr oder weniger spontan und mehr oder weniger GRUNDSÄTZLICH überzeugt zu (nur einer sagte Nein). Hie und da spürte ich zwar eine Ahnung „freundlicher Herablassung“ (das Patriarchat redet immer mit) – was, kommt mir vor, vielleicht auch schon als eine Form von (psychischer) Gewalt angesehen werden könnte, eine Form der Herabwürdigung. Aber egal.

Positiv hingegen fiel mir auf, dass ich den Anlass der Aktion niemandem groß erklären musste. Alle wussten augenblicklich Bescheid, und worum es ging, kaum hatte ich „25. November“ bzw. „Tag der Gewalt gegen Frauen“ gesagt. Das war a) sehr hilfreich, und zeigt b), dass die geleistete Öffentlichkeits- und Aufklärungsarbeit der letzten Jahre doch irgendwo Wirkung zeigt. Wenn auch nicht wirklich nachhaltig, wie hier nachgelesen werden kann.

Mit einem der Teilnehmer habe ich mich dann ein wenig länger unterhalten, und aus dem Gespräch einen Satz ganz besonders mitgenommen, nämlich dass „(auch) die Männer schließlich Opfer sind“. Fürwahr. So hatte ich das noch nie betrachtet. Ist es nicht tatsächlich sehr wahrscheinlich wenn nicht erwiesen, dass gewalttätige Männer immer auch selbst Opfer der einen oder anderen Form von Gewalt sind. Und, als Folge dieser erlittenen Gewalt selbst Gewalt ausüben. Mithin also nicht nur Täter, sondern auch Opfer sind, nicht zuletzt ihrer eigenen Gewalttätigkeit, und also im doppelten Sinne Opfer bleiben, und zwar so lange, wie sie Täter sind. Welcher Mann WILL schließlich Schläger Vergewaltiger Mörder Stalker sein?

Womit natürlich (ça va sans dire) keineswegs der Täter zum Opfer gemacht und somit seiner Verantwortung in einem gewissen Sinne enthoben werden soll – nein, es soll vielmehr aufgezeigt werden, dass die verhängnisvolle Gewaltkette, an deren Ende Frauen und Kinder stehen (weil das immer noch machtvoll rauschende Patriarchat das so will) dort unterbrochen werden muss – und nur dort unterbrochen werden kann! -, wie sie ursächlich entsteht. Nämlich beim Mann.

Es muss also der Fokus der Gewalt gegen Frauen von diesen fort, und zu den Männern hin gelenkt werden. Warum das so ist, und warum es nicht anders sein kann, beschreibt Jackson Katz sehr eindringlich, sehr klar und sehr folgerichtig in diesem TED Talk, den ich übrigens immer noch und immer wieder für enorm wichtig halte.

Warum in Südtirol dieser doch sehr grundlegenden Erkenntnis bisher offensichtlich kein Boden bereitet wurde, ist nicht recht klar. Tatsache ist aber (man belehre mich gern eines Besseren, falls mir etwas entgangen sein sollte): Von „Täterarbeit“ habe ich hierzulande weder gelesen noch gehört (im Gegensatz zu anderen Regionen Italiens, wo man_n die Notwendigkeit spezifischer Programme schon erkannt hat).

Das ganze Gewicht männlicher Gewalt gegen Frauen liegt paradoxerweise immer noch und trotz allem auf letzteren: Die Frauen – die Beschädigten! – müssen sich schützen sich wehren Beweise sammeln sich rechtfertigen mit Ablehnung rechnen ins Frauenhaus flüchten die Familie verlassen und was ist mit den Kindern

Es könnten, wer weiß, nicht zuletzt Gründe wie die oben genannten sein, die Frauen oft viel zu lange von einem „Outing“ abhalten, mit schwer wiegenden und – über hundert Mal pro Jahr – tödlichen Folgen (die wiederum, auch daran kann nicht oft genug erinnert werden, weite gesellschaftliche Kreise ziehen!)

Es braucht also, haben jenes Testimonial gegen Gewalt an Frauen und ich gestern beschlossen, sofern der Kampf gegen Gewalt an Frauen erfolgreich sein soll, (selbstverständlich) immer noch Opferarbeit und Angebot für beschädigte Frauen. Mindestens genauso sehr braucht es aber gezielte und umfassende „Täterarbeit“, in all ihren Varianten, mit all ihren Facetten. Nicht zuletzt, auch das muss gesagt sein, im Sinne „neuer“ Formen von Männlich- und Weiblichkeit.

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