(eine Prise Heimat)

… dass ich, ausgerechnet ich, der das Fernweh um so vieles näher ist als Heimweh, jedes Mal aufhorche, und den Blick schärfe, kaum dass irgendwo auch nur eine Ahnung des Wortes „Heimat“ in der Luft steht. Fast erschreckt es mich, dieses Hingezogensein zu diesem Wort, dessen Inhalte und Zuschreibungen mich eher befremden, denn erfreuen, und das so vieles hat, aber nur so wenig von mir.

Und so denke ich mir, es muss tiefer gehen, es muss größer sein, als ich meine.

Und wie mich also vorhin wieder einmal das Heimat-Wort an sich zog, an völlig unerwarteter Stelle – ein Grund vielleicht, könnte sein, für das Hingezogensein, das Heimatwort an ungewohntem Ort? – da fiel mir ein, dass ich schon längst gern ein paar Worte dazu los geworden wäre, oder besser eine kleine Geschichte, und die geht so:

Schon vor längerer Zeit also war ein Buch in meine Wahrnehmung gerutscht, es trug den Titel „Eure Heimat ist unser Alptraum“ (auf das Buch will ich an dieser Stelle nicht näher eingehen, aber ich setze einen Link, und empfehle die Lektüre.). Das war neu, und interessant: Heimat – Alptraum? Alptraum Heimat? Nach einem ersten, knappen Anflug von Abwehr – Heimat, das Wort und seine Inhalte, die tatsächlichen und die Zugeschriebenen, mag verkitscht, mag vergewaltigt, mag von der „falschen“ Seite zu Unrecht vereinnahmt worden sein, aber: Alptraum? Auf den ersten Blick schien mir diese neuartige Zuschreibung zumindest unpassend, vielleicht sogar eine Anmaßung: denn Heimat, könnte sein, ist doch nur ein anderes Wort für „Sehnsucht“, Sehnsucht nach DER Heimat, Sehnsucht nach EINER Heimat, und überhaupt: vielleicht ist Heimat ja auch nur ein anderes Wort für Sehnsucht, gestaltgewordene Sehnsucht.

Auch ein zweiter Blick wollte sich partout nicht ins Abseits drängen lassen, wie auch, stand er doch da, jener Titel, auf jenem Buch, ganz und gar real, ganz und gar Fakt. Und erschloss mir tatsächlich ganz ohne weiteres den Zugang zu einem – für mich – völlig neuen Blick auf das alte Wort, das es in dieser Form und mit diesen Inhalten übrigens nur im Deutschen gibt (das ist doch beachtlich).

So also. Sehnsuchtsort für die Einen, Alptraum für die anderen.

Dass nämlich Heimat, die Schöne, Teure, Vielbesungene und Hochgehaltene auch eine ausgesprochen düstere und abweisende Seite haben könnte (ihre Verkitschte und falsch Vereinnahmte ist wie gesagt hinreichend bekannt) wäre mir noch vor Kurzem kaum in den Sinn gekommen. Es war aber wohl auch gar nicht der Raum dafür da gewesen. Einen Spaltbreit die Tür zu diesem neuen Raum geöffnet hatte mir vor ein paar Jahren eine junge Frau, eine in gewissem Sinne und wie sich zeigen sollte, „Neue“, Zugewanderte, Heimatlose. Ohne ihren „fremden“ Blick auf die alte Heimat der Angestammten, und ohne den „fremden“ Blick der Angestammten auf sie wären mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit weder mein Blick noch mein Bewusstsein an jenem eingangs erwähnten Titel hängen geblieben.

Ich kannte die junge Frau weiter gar nicht. Sie ist Unternehmerin in meinem Dorf, und erzählte, in einem anderen Zusammenhang und völlig arglos, wie sie bei Unternehmerversammlungen (ungegendert, aus gutem Grunde) zurechtgewiesen wurde, wann immer sie sich – in der Wahrnehmung der anderen – zu weit aus dem Fenster lehnte mit Anregungen Wünschen Vorschlägen oder gar Kritik: „Du hosch do ieberhapp nix zu sogn, du bisch jo netamol a Dohige.“ (Schwierig, Dialekt objektiv lesbar zu schreiben. Tücken der Heimat.).

Dabei lebt liebt und arbeitet besagte junge Frau seit bald zwanzig Jahren im Dorf, ist nicht kriminell, zahlt ihre Steuern und kommt auch allen anderen Bürgerinnenpflichten ohne weiteres nach. Mag sein, dass genannte Zurechtrückung der Realitäten auch geschah, weil es sich bei der „Fremden“ um eine zweifach Fremde handelte: Sowohl räumlich – sie stammt „eigentlich“ aus einer Talschaft auf der gegenüberliegenden Seite des Landes, eine knappe Stunde Autofahrt entfernt – als auch geschlechtlich: Nur sie, einzige Frau, unter lauter Männern (weil doch Gleichstellung immer noch eine Fata Morgana ist. Ungerechte Heimat.)

Interessant, habe ich mir damals gedacht, aber das nur nebenbei, da erwartet man sich und verlangt man von beispielsweise afrikanischen Zuwanderern, dass sie sich gefälligst vollständig und zwar stantepede „integrieren“, was immer das heißen soll, derweil man andererseits eingeborenen Südtirolerinnen exakt diese Integration verwehrt, selbst nach Jahrzehnten der Ansässigkeit noch. Rätselhafte Heimat.

Doch zurück zum Ursprung, und also dahin, wo, unnötig zu sagen, der Moment saß, in dem sich neue, schwere Brüche auftaten in meinem bis dahin Verständnis von „Heimat“, dem fremden Ding, das bisher zwar sonderbar und merkwürdig, aber doch immerhin und stets irgendwie positiv konnotiert war, mit Zugehörigkeit, Sicherheit, Schutz und verbindlichen Wurzeln, denn all das ist sie auch, die Heimat, und also doch, trotz allem, wider alle Vorbehalte, ein wenig mehr als bloß verkitschte Standhaftigkeit im Gestern. Sie, die Heimat, wurde mir plötzlich klar, ist – auch! – eine Mauer, und eine sehr mächtige dazu, eine, die ohne weiteres bewirkt, dass Menschen aus dem Nachbartal, mit derselben Sprache, derselben Hautfarbe, derselben Religion und derselben Kultur, das „Ankommen“ in der neuen Lebensrealität verwehrt werden kann, und verwehrt wird. Heimat, die Ausgrenzerin.

„Eure Heimat, unser Albtraum“. Jetzt hatte ich verstanden.

Was ich also hätte sagen wollen, wäre gewesen, dass jede Heimat ein Innen und ein Außen hat, und dass auch das Außen in der Wahrnehmung bleiben muss, derer vor allem, die auf Heimat und Heimatrechten bestehen. Denn ohne das Andere ist das Eigenes nicht_s, und also auch die Heimat nicht_s.

PS. Falls Ihnen diese Form von Heimatgeschichte irgendwie fremdartig vorkommen sollte, dann macht das gar nichts, ist vielmehr kohärent, und konsequent (wir brauchen das Fremd_artig_e, um dem Eigenen näher zu kommen).

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