Bei Spiegel Online fragte sich neulich Jan Fleischhauer in seiner Kolumne, ob man „Zum Vergasen von Flüchtlingen aufrufen“, „mit Mord durch Kettensäge drohen“, „den Holocaust leugnen“ darf, und stellt fest: Ja, man darf, bei Facebook. Das ist ein Problem, ohne Frage, aber immerhin Facebook ein privates Unternehmen, mit dem einzigen „Auftrag“, seine Besitzer zu bereichern, und eventuell noch jenem der Unterhaltung seiner Nutzerinnen. 

Gleich nach Spiegel Online wechselte ich zu „Südtirol Online“ hinüber, im Netz geht das ja ganz leicht, von global zu regional im Augenblick. Bei stol erwartet mich meist nicht viel, aber an jenem Tag jedenfalls die „Nachricht“, dass „Schläger trotz Verurteilung auf freiem Fuß“ [ist]. Meine erste Reaktion, wie immer bei solchen „Nachrichten“, war jene des Weiterziehens, bloß weg hier, wen interessiert das schon. Dann aber packte mich doch die Neugier, die hinter die schäbige Kulisse des boshaften Titels schauen wollte, um, vielleicht, Antwort zu finden auf die Frage, die sich vor mich hingestellt hatte und nicht weichen wollte – nämlich: Was sich „die Redaktion“ wohl dabei denken mag, wenn sie auf diese Weise titelt? In unseren Tagen der virtuellen „Hassmaschine Facebook“, und der hirnlos-geifernden Anhänger*innen der realen Hassmaschinen Salvini Strache Le Pen Petry Trump, undsoweiter, im gruseligen Reigen, dem großen und dem kleinen?

Vermutlich denkt sie sich nicht viel, die Redaktion, vielleicht aber doch.

Tatsächlich gab der winzige Text zum gewaltigen Titel nicht viel her – wie auch, in wenigen Zeilen? Nur ganz unten, ein bisschen versteckt, wenn man so will, erfuhr die ungeneigte Leserin, dass im Tagblatt Dolomiten nachgelesen werden könne, warum „das Schnellverfahren dieses für Laien schwer nachvollziehbare Ende nahm“.

Da fragt sich’s doch jetzt, ganz unweigerlich: Ist das schon Verhetzung, oder nur unterste Schublade? Oder, man erlaube mir eine Linie Sarkasmus, eine Form von Lügenpresse?

Denn mir scheint eher unwahrscheinlich, dass jene stol-Leserschaft, die diesen Titel klickt, sich durch die acht Textzeilchen durchackert, bis zu jener Fußnote, diese studiert, dann zum Kiosk eilt, oder ins Gasthaus, um sich schlau zu machen über das „für Laien schwer nachvollziehbare Ende“ – und sich danach, angereichert mit profundem Wissen über Ursache und Hintergründe, sachlich und distanziert in der Hassmaschine zu dem „Vorfall“ äußert. Es darf vielmehr ohne weiteres davon ausgegangen werden, dass der größte Teil der Klientel solcher Schlagzeilen alles überspringt, was ich mir hier zwischen „Klick auf Titel“ und „Hassmaschine Facebook“ zusammengereimt habe, schon bei der bösartigen Schlagzeile aufhört zu lesen, die „Nachricht“ ungewaschen und unrasiert in der Hassmaschine Facebook verkündet – um danach, „Beweis“ bei der Hand, lustvoll zu geifern, gegen die Verbrecherflüchtlinge und deren bevorzugte Behandlung, derweil doch jeder Einheimische schon wegen eines schiefen Blickes eingelocht wird, und zwar lebenslänglich.

Ja, fragt frau sich spätestens an dieser Stelle, weiß man denn bei „stol“ nicht, was gerade abgeht da draußen, in der Welt, der fernen und der nahen, bei Facebook und im realen Leben, in Sachen Fremdenhass und Rassismus? Und, fragt frau sich gleich danach, kann es sein, dass ein „Informationsmedium“ wie „Südtirol Online“, Kind einer sehr traditionsreichen christlichen Mutter, sich dessen, vor allem aber seiner Verantwortung, nicht bewusst sein sollte? Oder warum sonst sollte man dort nicht sehr genau abwägen, was wann wie wo und warum geschrieben wird? Und sich fragen, ob es nötig ist, sinnvoll oder hilfreich?

Aber was rede ich da. Verantwortung? Bewusstsein? Früher vielleicht, als man sich bei Dolomiten, der Mutter von stol, noch scheute, über „gewisse Dinge“ zu berichten, aus Sorge, die heimische Menschheit könne sich davon gestört fühlen, oder gar verstört werden. Ja, wohl wahr: Seit jenen sauberen Tagen ist viel dreckiges Wasser die Bäche hinunter geströmt, und hat selbst im veränderungsunwilligen Südtirol gewaltige Dämme aufgebrochen… aber da fällt mir ein: Vielleicht war’s ja gar nicht das Wasser, oder die Dämme, sondern schlicht und ergreifend „Die Wirtschaft“? Gehören womöglich, noch einmal nach Fleischhauer wie oben, auch die Medien, die öffentlich gesponsorten gar, der blanken Wirtschaft an? Einer Wirtschaft mit keinem anderen Auftrag als jenem der Fütterung und Beglückung ihrer Besitzer und Aktionäre, egal wie, egal auf wessen Kosten, egal mit welchen Folgen? (War da mal was gewesen? Mit Information? Bildung? Auftrag? Der Medien?)

[Klammer auf] Zu dieser wild wuchernden, neuen Form der Medien- und InformationsWirtschaft fällt mir übrigens noch ein, ziemlich passend, wie ich meine, was mir schon lange schwer auf dem Magen liegt, und nämlich wie vor vielen Jahren, meine Tochter war noch klein, aber gerade groß genug, sie saß im Auto in ihrem Kindersitz auf der Rückbank, als uns aus dem Radio die „Nachricht“ sprichwörtlich überfiel, dass irgendwo im nahen Ausland ein Mann seine Frau mit der Axt in Stücke gehackt hatte und wie er dabei vorgegangen war, unter ausführlicher Beschreibung der grausigsten Details. Ich konnte damals – ich kann noch heute! – regelrecht spüren, wie meine Tochter hinter mir auf der Rückbank erstarrte vor Schreck, und ich mit ihr. [Klammer zu]

Ich weiß noch genau, die Wut, die mich damals erfasste, über diese und überhaupt die so genannten Medien. Denn was für Nachrichten, man sage mir, sollen das sein, bitteschön? Dass dieser Unmensch seine Frau zerhackt hat – was nutzt diese „Information“ der Menschheit, der kleinen und der großen, jener im Auto und der anderen? Oder dass jener „Schläger trotz Verurteilung auf freiem Fuß ist“, mit einem großen bösartigen Loch, wo eventuell ein Text stehen könnte, ein informativer, nützlicher, lehrreicher? Welchen Wert hat das für die Welt? Welcher wird vermittelt, hier oder dort? Richtig: Keiner, Null, Nichtig. Diese  ungesunden Kinder einer Medien-Unkultur, gewachsen auf dem Mist einer „Wirtschaft, die mit Selbstkontrolle nicht zusammenpasst“ (nach Fleischhauer) befriedigen doch einzig eine liederlich-widerliche Sensationsgier leerer Gehirne (man weiß nicht genau: der Redakteur*innen? der Leser*innen?), die sich dankbar öffnen für derlei „Nachrichten“, weil ja viel Platz da ist, da sein muss, für solch völlig wertlosen Müll der Menschheitsgeschichte. Und dann wundern wir uns.

Bliebe noch die Frage, was zuerst war: Das leere Gehirn, das nach leerer „Information“ lechzt? Oder die leere „Information“, als Voraussetzung für das leere Gehirn?

Keine Ahnung. Aber mir kommt vor, es ist wahnsinnig vernünftig wenn nicht dringend geboten, wofür „der ehemalige Piraten-Politiker Christopher Lauer (…) jetzt im SPIEGEL [plädiert]“, nämlich dafür, „mit richterlicher Anordnung die Netzgeschwindigkeit für Facebook-Produkte herabzusetzen“.

Ich wäre dafür, weil sich doch die Gelegenheit grad bietet, die Netz- und überhaupt „Geschwindigkeit“ auch gleich der „normalen“, so genannten „klassischen“ Medien „mit richterlicher Anordnung herabzusetzen“. Bevor noch die entfesselte Wirtschaft die Menschheit aufgefressen hat, „weil Wirtschaft und Selbstkontrolle nicht zusammenpassen.“

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