Was der Herr Rauscher in seiner jüngsten Kolumne für den Standard (29.7., „Werte Muslime in Europa“) in die ungläubig staunende Welt schüttelte, beschäftigt mich immer noch, und hat das Fass – mein Fass – zum Überlaufen gebracht.

Sehr vieles hat mich an dieser Kolumne über die Maßen geärgert – die Schludrigkeit, die Respektlosigkeit, und die überhebliche Unaufrichtigkeit des Autors. Das hätte er lieber bleiben lassen, der Herr Kolumnist – denn er kann damit wenig mehr als – im besseren Falle – eine Zuspitzung der eh schon heiklen Gesamtsituation (nicht nur im Lande, in dem er lebt und für das er schreibt) erreichen: Jene, die gegen die „werten Muslime“ eh schon (mehr oder weniger rassistisch) voreingenommen sind, werden sich in ihrer Abneigung bestätigt fühlen; die Schwankenden hören vielleicht auf zu schwanken, und schlagen sich endgültig auf die Seite der den „werten Muslimen“ Abgeneigten; und selbst in dem Einen oder der Anderen der bisher Unvoreingenommenen könnten kleine Zweifel angefacht werden, nach dem Motto; „Wenn’s eh schon alle sagen, und jetzt auch noch der Rauscher…“. Das war nicht gut, Herr Rauscher, gar nicht gut.
(Wir sitzen grad auf einem Pulverfass, meine ich, und der Zündstoff in dem Fass sind NICHT die Muslime, und nicht die Zuwanderer, von woher auch immer, warum auch immer.)
Dieser eine Satz des Herrn Rauscher aber hat mich ganz besonders maßlos geärgert, vielleicht, weil er einen (wunden) Punkt trifft, der mich schon lange umtreibt: „(…) Für Sie ist die Religion großteils noch immer sehr wichtig, für uns ist sie es nicht mehr (…).“
Denn dies ist, bei allem – dem gebotenen und dem ungebotenen – Respekt Herrn Rauscher gegenüber, eine glatte – und eine haarsträubende – Lüge. Man braucht nicht wirklich groß nachzudenken, um die tiefe Falschheit dieser Aussage zu erkennen; wenn’s aber manche – wie, offenbar, der Herr Rauscher – trotzdem nicht erkennen, dann könnte das vielleicht daran liegen, dass sie zu sehr daran gewöhnt sind, an die eigene Religion, und ihre Präsenz und ihre Wichtigkeit gar nicht mehr wahrnehmen (es ist ja im Übrigen bekanntlich besonders schwer, das Unnormale am eigenen Normalen zu erkennen.)

Man achte nur einmal darauf, auf welcher Schiene die Flüchtlings-Diskussion geführt wird: Es geht IMMER um die Religion der „Neuen“, die, die sie mitbringen, und die, die sie *uns* (möglicherweise) nehmen wollen – womit, indirekt zwar, aber unmissverständlich ausgedrückt wird, wie (beängstigend) wichtig „Religion bei uns ist“. Denn wenn sie das nicht wäre, könnte es uns ja wurst sein, welche Religion diese „anderen“ haben.

Aber man kann auch an sehr viel banaleren, alltäglichen Beispielen erkennen, dass (unsere) Religion so gut wie alles überschattet, prägt und gestaltet – es ist mir gänzlich unverständlich, wie ein Satz wie der vom Herrn Rauscher von einer halbwegs kritischen und intelligenten Person gesagt werden kann, denn:

Wenn „Religion bei uns nicht wichtig ist“ – wie ist es dann möglich, dass weit mehr als eine Partei – also die konzentrierte Vereinigung der Menschen, die den Staat (!) gestalten – das Wort „christlich“ in ihrem Namen, und in ihrem Programm führt?

Wenn „Religion bei uns nicht wichtig ist“ – wie kann es dann sein, dass ein Landesrat einer Volkspartei (ohne „christlich“ im Namen!) sich ebenso lauthals wie überschwänglich freut, weil „sechs Flüchtlinge getauft wurden“? Wenn „Religion bei uns nicht wichtig ist“ – warum wird dann über ein solches „Ereignis“ überhaupt berichtet, und zwar breit, und überaus aufwändig?

Ich könnte jetzt noch tagelang fortfahren, und Beispiele aufzeigen, die beweisen, wie SEHR, ja wie UNGLAUBLICH wichtig Religion bei uns ist – ich werde aber davon absehen, um niemanden zu langweilen: JedeR, die mag, kann sehr gut selbst erkennen, dass Religion (auch bei uns) allgegenwärtig ist. Ich denke sogar, es gibt überhaupt gar keinen Bereich, in den sie nicht hinein reichen würde, mehr oder weniger prominent, und mehr oder weniger direkt (selbst wer glaubt, nicht religiös zu sein, wird von Kindesbeinen an und unweigerlich – es gibt da gar kein Entkommen – von der christlich-katholischen Religion, ihren Maßstäben und ihren Werten, geprägt, und gestaltet.
(Wir sind nicht halb so fortgeschritten, Herr Rauscher, und aufgeklärt, wie wir uns gerne glauben machen möchten.)
Das wäre, selbstverständlich, kein Problem, und sollte jedem und jeder selbst überlassen sein, ob und wie sehr und wie sie oder er glauben wollen; die anderen, die „Ungläubigen“ also, können sich schon irgendwie heraus halten, aus dem direkten religiösen Kontext, zumindest. Wären da nicht die Flüchtlinge, und ihre Religion, und der „Krieg der Religionen“, der schon längst im Gange ist. Man muss, um das zu erkennen, nicht einmal besonders genau hinschauen.
Und jetzt würde ich also Herrn Rauscher gern fragen: Wenn „Religion bei uns nicht wichtig ist“ – warum reden wir dann dauernd darüber? Und sei es auf Umwegen, indem wir die Religion „der anderen“ ablehnen, bis diskreditieren? Und so heftig?
Allein die Tatsache, dass Menschen, die aus teils doch recht unterschiedlichen Kulturkreisen stammen, und darüber hinaus die unterschiedlichsten – und jedenfalls zahlreiche – „Klein“-oder Sub-Identitäten haben – vom Geschlecht, über die Bildung, den Beruf, um nur ein paar zu nennen – auf nichts als ihre  (angebliche, angenommene) Religion reduziert (denn anders kann es nicht gesagt werden), auf sie zusammen gestrichen werden… das spricht doch schon eine mehr als deutliche Sprache, würde ich meinen. Ich kann mich also – noch einmal – gar nicht genug wundern, über diesen Satz des Herrn Rauscher (über andere auch, aber sei’s drum).
Was mich in diesem Zusammenhang (weil sich grad die Gelegenheit bietet) übrigens auch immer wieder fassungslos macht, ist diese ultra-kompakte „Vision“, die man und frau hierzulande vom „Islam“ zu haben scheinen, beziehungsweise haben wollen. Dieser Religion (der anderen) werden weder Schattierungen, noch Abstufungen und schon gar keine verschiedenen Strömungen und/oder Auslegungen oder überhaupt irgend etwas zugestanden, was nicht in die eigene (ebenso strenge wie enge) Schablone passt. Das ist doch interessant, oder? Denn gerade die religiösen Einheimischen sollten doch wissen, wie sehr (die eigene) Religion diskutiert wird, wie viele Ausprägungen es gibt von ihr, und wie sehr, wie heftig und wie kontrovers über ihre Auslegung und Anwendung gestritten wird: sollte also etwas zumindest annähernd Ähnliches nicht auch dieser Religion der anderen zugestanden werden?
Ah ja, und noch etwas ist mir aufgefallen, seit die Flüchtlingsbewegungen – und mit ihnen die andere Religion – fast alltägliches und jedenfalls allgegenwärtiges Thema sind, sogar bei Otto-und-Hertha-Normalverbraucher, wie z. B. der unterfertigten: Nämlich, wie wenig ich doch wusste, über diese Religion, die Länder und Kulturen, in denen sie praktiziert wird, die sie gestaltet und prägt – eigentlich nicht nur „wenig“, sondern eher gar nichts. Das finde ich umso interessanter, als uns mit jenen „Anderen“ doch sehr vieles verbindet – letztlich ist vielleicht gar das Verbindende weit mehr als das Trennende. (Ich kann nicht anders als glauben, dass sie gewollt ist, diese „Desinformation“ – wegen der Religion, der eigenen, und der der anderen.) Es wäre schön, wenn viel gelesene und viel beachtete Menschen wie Herr Rauscher mehr Gewicht darauf legten, auf das Verbindende, und weniger darauf, was trennt, und spaltet.
Insofern ist es, finde ich, doppelt schade, und richtet womöglich großen und gar nicht wieder gut zu machenden Schaden an, wenn diese – vielen! verschiedenen! – Menschen auf nichts als ihre Religion zusammen gestrichen werden, und alles andere ausgeblendet wird – auf eine Variante einer Religion übrigens, von der wir nur wenig bis gar nichts wissen, aber alles zu wissen glauben.
(Wir sollten vorsichtig sein.)

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