Es ist wohl einer der ungewöhnlicheren Orte, um auf Gewalt gegen Frauen aufmerksam zu machen: Eine Ruhebank in einem Museum. Aber vielleicht ist die Wirkung ja gerade deshalb eine so starke: Weil niemand damit rechnet, in einem beliebigen Museum an einem beliebigen Tag auf einer beliebigen Ruhebank zu Gewalt gegen Frauen „angesprochen“ zu werden, von einem großformatigen Aufkleber, viel blutrot auf weißem Grund. Der weiße Grund hält den Platz besetzt, das Logo und die rote Schrift erzählen, warum:

„È un gesto concreto dedicato a tutte le donne vittime di violenza. Ciascuna di quelle donne, prima che un marito, un ex, un amante, uno sconosciuto decidesse di porre fine alla sua vita, occupava un posto a teatro, sul tram, a scuola, in metropolitana, nella società. Questo posto vogliamo riservarlo a loro, affinché la quotidianità non lo sommerga.“

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Das mag ratlos machen, vielleicht auch schockieren, auf den ersten Blick – denn was hat ein Museum für Wissenschaft mit Frauen zu tun, gar mit Gewalt gegen Frauen? Auf den zweiten und dritten Blick ist’s dann aber doch wieder – sehr! – folgerichtig, denn: Gewalt gegen Frauen ist allgegenwärtig. Ja, auch im Jahre 2016, und, noch einmal ja, auch in der Mitte Europas. Zugegeben: Wir lesen viel, vielleicht sogar immer mehr, über Gewalt an Frauen und Mädchen – in Afrika, in Indien, und anderen, fernen Ländern. Es tut sich was, wohl wahr, global gesehen allemal. Nur regional, in der Heimat also, wird die Gewalt an Frauen kaum thematisiert, aus Gründen, über die ich hier und heute nicht einmal flüchtig spekulieren will. Das Thema bleibt eins am Rande, scharf eingegrenzt auf den einen oder anderen „Gedenk- oder Be-Denktag“, und steht, wo’s wichtig wäre (in der Politik zum Beispiel), allenfalls am unteren schmalen Rande der Agenden. Die breite Mitte der Gesellschaft schaut, offenbar, auch lieber weg, als hin.

Dabei geht sie, die Gewalt gegen Frauen also, alle an, ja, auch uns – statistisch gesehen sogar jede dritte Person: Im Jahre 2014 hatte die Agentur für Grundrechte der Europäischen Union (FRA) eine Studie mit dem Titel „Gewalt gegen Frauen“ in Auftrag gegeben, deren Ergebnisse FRA-Direktor Morten Kjærum  in wenigen, erschütternden Worten auf den Punkt bringt (beachte: das Problem ist offenbar so verbreitet, dass Kjærum nicht einmal in Ansätzen differenziert):

 „Frauen sind nicht sicher auf den Straßen, am Arbeitsplatz und schlussendlich auch nicht zu Hause.“

Doch, es darf angenommen werden, dass die Ergebnisse dieser Studie auch zwei Jahre später noch brandaktuell sind, und ja, man kann sich damit auseinander setzen, ohne Scheu oder andere Vorbehalte. Ich persönlich wurde übrigens an zwei Punkten dieser Studie in meinem Lesefluss nachhaltig eingebremst, und zwar zum einen bei der Information, dass Gewalt innerhalb von Beziehungen „die am meisten verbreitete Gewalt gegen Frauen ist“, und weit öfter „Frauen durch ihre eigenen Partner Gewalt ausgesetzt werden, als von fremden Gewalttätern“ (WHO). Natürlich, springt da recht unmittelbar ins Bewusstsein: Wer kennt etwa nicht zumindest eine Frau, die in ihrem Heim und in ihrem engsten Umfeld körperlicher (!) Gewalt ausgesetzt ist (subtilere Formen der Gewalt bleiben jedenfalls „in der Familie“) – und sich dieser Gewalt ergibt, aus Gründen, über die ich, noch einmal, nur ungern spekulieren will? Weil sie so bedrückend sind, und eine so deutliche Geschichte erzählen, darüber, wie es bestellt ist, in unserer Gesellschaft, um die Gleichstellung und das Selbstbild und die Gleichachtung und die Würde und die Rechte der Frau, im allgemeinen und im besonderen?

Der zweite Punkt, der mich innerhalten ließ, war einem eigenwilligen Zufall geschuldet, und der hieß mich bemerken, dass offenbar die höchsten Gewalt-Raten [Dänemark (52 Prozent), Finnland (47 Prozent) und Schweden (46 Prozent) in jenen Ländern verzeichnet werden, die laut Weltglücksbericht (2016)  zu den glücklichsten Ländern der Erde zählen [Dänemark (Platz 1), Finnland (folgt mit Platz 5 auf dem Fuße), und Schweden (mit Platz 10 immerhin noch unter den Klassenbesten)]. Das finde ich – zumindest – frappierend, aber auch ein bisschen schockierend. Denn man kann doch, angesichts dieser Zahlen, gar nicht anders als sich fragen: Nach welchen Kriterien „Glück“ bei uns gemessen wird? Wer dazu befragt wird? Welche Rolle und welches Gewicht Frauen dabei zugestanden wird? Welche Wahrheit, und welches „Glück“ diese Frauen erzählen? Und was sie verschweigen?

Ja, es stimmt schon, dass Statistiken, so für sich betrachtet, meist schiefe und eher unfertige Bilder zeichnen – sie bilden aber doch eine gute Ausgangsbasis, für nähere Betrachtungen und weitere Unterscheidungen. Und ja, es stimmt auch, dass – abgesehen vom schon klassischen Tag der Frau, der mit Unterbrechungen seit mehr als 100 Jahren begangen wird – inzwischen zahlreiche Initiativen auf unser aller Wege gebracht werden und wurden, Ge- und Be-Denktage, mit deren Hilfe die Gesellschaft aufgerüttelt und dahin gebracht werden soll, hinzuschauen, wo es weh tut, und unbequem ist: Auf die unfassbar hohen Gewaltraten an und für sich, aber auch auf ihre zahllosen Formen, auf ihre Alltäglichkeit, auf die Normalität des „Phänomens“. So wurde der 25. November (heute!) zum „Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen“ erhoben; in „One Billion Rising“ erheben sich seit 2012 alljährlich Abertausende Frauen (Männer auch) symbolisch gegen Gewalt an Frauen, und nicht zuletzt sind es – immer wieder – einzelne Künstlerinnen, die in privaten Initiativen das „globale Gesundheitsproblem von epidemischem Ausmaß“ (WHO-Generaldirektorin Margaret Chan) aufgreifen und an die Öffentlichkeit befördern.

Der Erfolg aber scheint, nicht nur angesichts der gleichbleibend hohen Zahlen, verhalten: Das Interesse am Thema schwindet in dem Maße, wie die Aktionstage und Initiativen aus dem öffentlichen Raum und damit aus der öffentlichen Wahrnehmung schwinden. Womit ich an meinem heutigen Tagesziel angelangt wäre, nämlich bei der Initiative postoccupato, die sehr effektiv in diese Lücke springt:

Denn das „Ich halte dir einen Platz frei!“ kennen wir doch alle, aus unserem privaten Alltag – entsprechend direkt, privat und persönlich wirkt „postoccupato“: Dieser Platz wird frei gehalten für eine Frau, die ihn nie wieder wird einnehmen können. „Postoccupato“ wirkt aber ein weiteres Mal sehr stark, weil er ja nämlich – im Gegensatz zu anderen Initiativen – ein ständiger sein kann, er verwischt nicht, und verschwindet nicht, ist ein andauerndes und anhaltendes Klopfen an die Tür zum Gewissen der Menschheit. Die getöteten Frauen bleiben auf diese Weise mitten in der Gesellschaft – und wirken.

PS. (Ja, ich habe einen Traum, oder auch:) Grafiken, Logos, Flugblätter in vielen europäischen Sprachen, darunter deutsch und italienisch (ladinisch fehlt noch…) stehen auf der Seite von www.postoccupato.org kostenlos zur Verfügung.

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