Als ich vor ein paar Wochen wie seit vielen Jahren schon und beinahe täglich gen Marinzen strebte, sah ich mich plötzlich mit einem Heubündel – ab hier Heu-Tuch – konfrontiert, das vor mir herwankte (ich kann das nicht anders sagen, denn Heu-Tücher wanken, so sie voll sind und nicht auf dem Boden liegen), kaum dass ich den Hohlweg durch den Parnoar-Wald hinter mir gelassen hatte.

Es handelte sich bei dieser Szene mitnichten – wie ich spontan vermuten wollte – um eine Auf- bzw. Einstellung für ein touristisch gesinntes Werbefoto, eine Fata Morgana oder, im heimischen Jargon, eine Einbildung, sondern vielmehr um einen jungen Bauern, der, zusammen mit seiner Mutter, das Heu von einem kleinen, steilen Hang (heim)holte. Die Kleinheit der Wiese, und ihre Steilheit, ließen keine andere Methode zu als jene händische aus alten Tagen, meinte er, und erlaubte mir, seiner Mutter und ihm bei der Arbeit zuzusehen, zu fotografieren, und dumme Fragen zu stellen. Was Touristen halt so machen.

Ich habe bei dieser – völlig unvermuteten! ein Heutuch! in Kastelruth! in 2016! – Begegnung – völlig unvermutet! – einige interessante Dinge gelernt, unter anderem, dass die Pflöcke, mit deren Hilfe die Ecken des Tuches im Boden verankert (zuerst, bei leerem Tuch) und verknotet werden (danach, das volle Tuch), mitnichten einfache Holzstücke sind, wie Laien das ohne weiteres vermuten könnten, sondern vielmehr sehr schöne, sauber gedrechselte kleine Kunstwerke, von unzähligen Händen über viele Jahre, vielleicht Jahrzehnte, hinweg glatt poliert und dunkel gefärbt. Schön anzusehen, und irgendwie tröstlich.

Ich habe des weiteren gelernt, dass das gefüllte Heu-Tuch in den Hang gestemmt wird, und der Bauer darunter kriecht, um sich bzw. seine Schultern in dieser gebückten Haltung unter dem Bündel zu justieren, bevor er sich mit seiner Last in die Vertikale stemmt. Die Hände bleiben sowohl beim Ausbalancieren als auch beim Tragen stets frei – ich gehe davon aus, dass diese hohe Fertigkeit ihre Anfänge und Gründe in den steilen Berghängen hat, auf denen die Männer ihre schwere Last (40 bis 80 kg, habe ich mir sagen lassen, je nach Qualität des Grases, Größe des Tuches und Lage der Wiese) nicht nur zu tragen, sondern auch – womöglich tödliche, jedenfalls aber kostspielige – Stürze zu vermeiden haben. Zu diesem letzteren Zwecke sind Arme und Hände sehr nützlich, unerlässlich gar.

„Ein gutes Laden und  Binden war unerlässlich, da sonst die Gefahr bestand, dass die Burdi beim Tragen auseinanderfiel. Das war für den Betroffenen mit Spott verbunden. Beim Laden achtete man darauf, nicht zu überladen. Als Faustregel galt: Wenn der Träger beim Binden das Heubündel ohne grosse Kraftanstregung auf die Knie hochheben konnte, war er imstande die Burdi zu tragen.“

Nicht zuletzt war da noch die Bemerkung eines Bekannten, dem ich von meiner Begegnung erzählte und mein Foto zeigte (s. oben); er meinte, das Bild sei schön, bedauerte allerdings, dass der Bauer eine moderne Hose trüge, was ich nun meinerseits gar nicht finde, denn das ist es doch gerade – auch diese „Erkenntnis“ kam gewissermaßen gratis daher -, was das Bild so authentisch macht: die sportliche Hose, die modernen Schuhe – zeigen sie doch, dass diese Situation für den Bauern eine ganz und gar alltägliche ist. Alles andere wäre Kitsch.

Ja, und nach all diesen „praktischen“ Erkenntnissen war da noch, derweil ich nach dieser wunderbaren Begegnung der nichtalltäglichen Art meinen raschen Gang zum Marinzen wieder aufnahm, etwas, für das ich trotz intensiven Grübelns immer noch keine letzt-gültige Erklärung finden konnte, nämlich die Frage,

wie es wohl kommen mag, und was es zu bedeuten hat, dass dieses Heu-Tuch, und was es symbolisiert, diese Saite in mir anrührte, in einem verborgenen Winkel, denn ohne Zweifel tat es das, und sie sprach, ganz klar und deutlich,“Heimat“,  diese Saite, ich könnt’s nicht anders sagen.

Das ist faszinierend, finde ich, hatte ich doch in meinem ganzen Leben nie etwas zu tun gehabt, mit einem Heu-Tuch, direkt nicht und indirekt auch nicht, und selbst meinen Eltern war das Heu-Tuch materiell und ideell vermutlich nicht mehr als eine ferne Erinnerung an weit zurück liegende Tage. Und doch fühlte ich angesichts dieses mir – scheinbar, und doch nicht! – durchaus sehr fremden Arbeitsgerätes ganz klar und deutlich, dass es zu mir gehört, oder ich zu ihm, irgendwie, fast wie „Familie“.

Als ich wieder talwärts ging, und reichlich Zeit gehabt hatte, für die Suche nach einer Antwort auf die Frage „Kann denn Heu-Tuch Heimat sein?“, gefiel mir der Gedanke, dass ja, sehr wohl, „Heimat“ sehr viele Gesichter hat, und durchaus auch das eines Heu-Tuches haben kann. Heimat ist, wer weiß, kein Raum kein Ort und keine Zeit, sondern die Gesamtheit all jener Faktoren, die uns zu dem machen, was wir sind.

So kann also „Heimat“ im Laufe eines Lebens mal dies und mal jenes sein, und – selbstverständlich – kann, vielleicht gar muss, „Heimat“ für alle etwas anderes sein. Ja, mir gefällt der Gedanke: Es gibt nicht eine – in Zahlen: 1 – Heimat für alle, sondern viele Heimaten für jedeN.

 

Noch ein bisschen was zu „Heimat“:

In Sachen: Heimat (weil’s so schön ist)

Auf der Suche nach: Heimat (2)

 

 

 

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