Wohin man dieser Tage seine Augen und Ohren auch wenden mag, schaut und tönt einem „Angst“ entgegen. Das mag, warum nicht, sogar „berechtigt“ sein, in diesen unseren doch recht unruhigen Zeiten, im vielfachen Sinne gar (interessant aber doch, dass z. B. die Angststürme im Zuge der Bankenkrise bzw. der Banken-Rettung nicht annähernd so heftig übers Land tobten, obwohl doch jene Krise weitaus bedeutsamer und wohl auch bedrohlicher war als die aktuelle Flüchtlings“krise“. Verkehrte Welt. Ob’s vielleicht doch, in Wahrheit, um etwas anderes als „Angst“ geht, im Moment?!). Angst ist ja übrigens auch ein Zeichen der Vernunft, sie bringt Menschen dazu, vorsichtig und bedachtsam zu handeln, wenn die Situation unklar oder unübersichtlich ist. Also ein eher intelligentes Gefühl, die Angst.

Nur eins irritiert mich, und zwar nachhaltig: Wenn man diesen derzeitigen Ängstlichen – so viele! – die Frage stellt, wovor sie denn nun konkret Angst hätten, so viel, gibt es keine Antworten. Die Menschen wissen offenbar nur, DASS sie Angst haben, aber sie wissen nicht zu sagen, und schon gar nicht genau, WOVOR sie Angst haben. Das ist ein Problem.

Denn die Angst ist nicht nur ein unangenehmes, sondern vor allem ein lähmendes Gefühl, so lange und wo sie nicht benannt oder, noch besser, festgenagelt werden kann. Ich glaube das zu wissen, hatte ich doch in meinem Leben mehr als einmal Gelegenheit gehabt, Angst zu haben, und habe daraus eins gelernt: Die Angst lässt einen erst los und wieder frei atmen, sobald man ihr ins Gesicht schaut. Tatsächlich ist es unmöglich, kreativ zu sein, sachlich zu überlegen, oder gar lösungsorientiert zu denken, solange einen die Angst im Griff hat. Das geht einfach gar nicht. Wie heißt es doch so schön? „Angst fressen Seele auf.“ Da ist was dran.

Die jüngste Gelegenheit, meine selbst erlernte Angst-Therapie anzuwenden, hatte ich im Frühjahr letzten Jahres, als meine Tochter und ich einen Monat lang auf großteils recht einsamen, teils unwegsamen und oft vernachlässigten Pfaden quer durch Italien wanderten. Dazu muss man wissen, dass mich seit der Geburt meiner Tochter Höhenangst quält. Die kam ebenso überraschend wie plötzlich, für eine wie mich zumal, die seit Kindertagen jeden Sonntag durch und über alle Berge gesprungen war, wie das hierzulande üblich war, damals, und die nicht einmal wusste, dass es so etwas wie Höhenangst überhaupt gibt. Aber dann lernte ich sie kennen, dummerweise, und fand mich, nach mehrjähriger Berg-Wander-Pause, mit meiner kleinen Tochter hyperventilierend und gegen Panik-Attacken ankämpfend auf einem, im Rückblick, ziemlich normalen Bergsteig wieder. Das war eine üble Erfahrung, die ich nicht unbedingt wiederhaben musste. Nach reiflicher Überlegung beschloss ich denn auch, mich damit abzufinden, dass  ich jetzt halt unter solch Touristenzeugs wie Höhenangst leide, und tröstete mich damit, dass ich schließlich keineswegs in die Berge muss. (Wieder) Abtrainieren konnte ich sie mir nötigenfalls immer. Dann aber kam unsere Fernwanderung, die ich unbedingt machen wollte, und mit ihr Situationen inklusive (wenn auch mäßiger) Höhenangst, denen ich aber keineswegs ausweichen konnte. Und so musste ich dieser Angst in die Augen schauen, und verstand: Wenn ich auf den Weg schaute, statt in die Tiefe, und dazu meine Atmung kontrollierte, ließ sich die Angst im Zaum halten. Sie wurde übrigens weniger und weniger, und gegen Ende der Ultra-Wanderung konnte ich mich schon fast (wieder) ganz entspannt über ein Brückengeländer lehnen.

Was ich sagen will: Angst lässt sich durchaus kontrollieren – aber daran scheint dieser Tage niemand wirklich Interesse zu haben. Im Gegenteil. Denn wenn all die Menschen, die da draußen Angst haben, nicht wirklich wissen, wovor sie eigentlich Angst haben (wollen, sollen), dann ist das, allerdings, beängstigend – weil eben nicht oder jedenfalls so gut wie gar nicht kontrollierbar. Noch viel beängstigender aber sind die Polikter_innen, die sich nicht zu schade sind, diese undefinierte, diffuse Angst ihrer Bürger_innen anzunehmen wie eine Gabe auf dem Opfertablett, und sie für eigene, politische Zwecke zu instrumentalisieren – die Bevölkerung, auch das muss gesagt sein, ist ihnen dabei VÖLLIG wurscht. Sie verstünden sie, diese Ängste der Menschen, behaupten die, die’s besser wissen sollten und schauen dabei sorgenvoll. Und ich frage: Und? Was dann?  Denn es ist nicht Aufgabe der Politik, die Angst der Menschen „zu verstehen“, sie an- und ernst zu nehmen, um es dabei zu belassen, oder die Ängste, noch schlimmer, gar zu steigern, und zu verstärken. Es ist vielmehr Aufgabe der Politik, die Angst der Menschen zu erfassen, sie zu erkennen, sie in Worte zu fassen, in etwas Greifbares und also Angreifbares umzuwandeln. Was aber derzeit geschieht, seitens eines beängstigend großen Teils der Politik, ist das schlichte Gegenteil davon, und grenzt in meinen Augen schon bald an Demagogie.

Herfried Münkler sagt, Angst müsse in Furcht umgewandelt werden, in etwas konkret Benenn- und somit Greifbares. Dann, und nur dann, kann der Angst rational, mit den Instrumenten des Verstandes, entgegen gewirkt werden – aber eben erst, sobald sie definiert und also er-fassbar ist. Und genau diese, sagt Münkler, sei die Aufgabe der Politik: Die Angst der Menschen in Furcht zu verwandeln, und ihr damit ihr lähmendes und zerstörerisches Potential zu nehmen.

Leider aber geschieht zur Zeit in sehr weiten Kreisen das gerade Gegenteil. Das hat nicht nur mit Politik nichts zu tun, sondern ist schlicht verwerflich und abscheulich, denn es ist eine Form des Machtmissbrauchs (interessant bis bedrückend aber auch, wie willig sich ein beträchtlicher Teil der zweifelsohne intelligenten Menschheit – ver- und vorführen lässt, von den Einheizern und Angstmachern in Anzug und Krawatte.)

Das nun macht wirklich Angst – und nicht die Flüchtlinge.

Was bleibt

Vom Schweigen

 

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