Ja, es wäre SEHR spannend, heute schon zu wissen, was die Geschichtsbücher dereinst, in zwei- oder drei- oder vierhundert Jahren, über die Geschehnisse unsere Tage erzählen werden, was die Studenten diskutieren, und was die Professoren lehren werden. Ich fürchte, das Bild, das wir als „zivilisierte“ Gesellschaft abgeben werden, ist nicht das Beste: Wie wird beispielsweise die Tatsache erzählt werden, dass viele, viele Tausende Menschen armselige, unwürdige und einsame Tode sterben mussten, im Mittelmeer und vor den Toren des (reichen!) Europa, bevor dieses Europa – seine höheren und höchsten Chargen – sich dazu herab ließ, einmal aufzuschauen, und kurz hinzusehen?

Jetzt, endlich, nachdem weit mehr als tausend Menschen in einer einzigen Woche einen kalten und einsamen Tod finden mussten in den Fluten des Mittelmeers – an dessen Küsten übrigens einst die wichtigsten Kulturen entstanden waren -, jetzt sieht es so aus, als sei man – jaja – gewillt, sich dieses „Problems“ anzunehmen, ein bisschen jedenfalls. Noch aber weiß niemand, welches das Ergebnis dieses „Sich Annehmens“ sein wird – es sieht ganz so aus, als solle der Ball weiterhin eher flach gehalten werden.

Eines aber ist gewiss – und recht neu: In den Medien mehren sich Berichte, in denen eine konsequente Öffnung der europäischen Grenzen als eine gute, effektive und sehr nachhaltige Lösung des Migrations-„Problems“ beschrieben wird: Heute Früh z. B. las ich diesen recht ausführlichen Text (http://www.vice.com/de/read/wir-haben-einen-experten-gefragt-was-passieren-wuerde-wenn-die-eu-ihre-grenzen-oeffnet-998). Hier wird die Idee der offenen Grenzen vor allem unter wirtschaftlichen Aspekten be-und ausgeleuchtet, und zugleich gut untermauert.

Bei „Die Zeit“ erschien hingegen vor kurzem dieser sehr schöne Text aus der Feder des Gero von Randow (http://www.zeit.de/politik/ausland/2015-04/fluechtlinge-frankreich-europa-wirtschaft-afrika). Er nähert sich demselben Gedanken von der grundsätzlichen und eher philosophischen Warte her – und das liest sich so:

(…) dass Demba und ich auf so unterschiedliche Weise in die Klassenverhältnisse hineingeworfen wurden, das ist purer Zufall. Und der wiederum ist nichts, worauf sich Rechte begründen ließen. Anders gesagt: Uns hier im Norden, die wir rein zufällig ins reiche Europa geboren wurden, stehen deswegen nicht mehr Rechte zu als jenen dort im Süden, die rein zufällig ins arme Afrika geboren wurden. Das hat Konsequenzen, etwa die, dass die da unten genauso durch die Welt ziehen dürfen müssen wie wir hier oben. Wohin sie wollen. Auch zu uns.“

Nun komme ich beim Thema „Grenzen“ auf gar keinen Fall daran vorbei, an die heimischen Grenzen zu denken. Zu diesem Thema sind wir ja maximal sensibilisiert, „Grenzen“ sind etwas, mit dem sich hierzulande gern und ausgiebig beschäftigt wird, Grenzen – vergangene, abgeschaffte, alte und neue Grenzen, Unrechts- und Willkür-Grenzen – sind in unserer DNA festgeschrieben, und werden dort wohl noch für lange Jahre nachwirken. Daran sind vordergründig die so genannten Sezessionisten-Kreise höchst beteiligt und rege interessiert: Sie alle zusammen – also in Gestalt z. B. von: Süd-Tiroler Freiheit, Die Südtiroler Freiheitlichen, die Schreiber und Leser von Brennerbasisdemokratie und nicht zuletzt die Schützen (sie betreiben die/se „Politik“ zwar nur durch die Hintertür, aber immerhin) – sorgen dafür, dass ihr Haupt- oder eventuell gar. ihr einziges Thema möglichst negativ besetzt, jedenfalls aber am Köcheln bleibt.

Ihr Tun und ihr Treiben begründen sie meist und mit Vorliebe damit, dass die/se Grenze eine „Unrechts“-Grenze sei, eine „Willkür“-Grenze. Nun ist zwar, einerseits, tatsächlich wohl jede Grenze auf dieser Welt sowohl eine Unrechts- als auch eine „Willkür“-Grenze – je nachdem, von welcher Seite sie betrachtet wird. Andererseits sind aber dieser spezifischen „Willkür“ und diesem „Unrecht“ (meist) schon allein dadurch recht enge Grenzen gesetzt, dass es für die Ziehung einer Grenze (meist, mindestens) zwei Parteien braucht, die damit einverstanden sind. Insofern ist „die“ heimische Grenze wahrscheinlich nicht mehr und nicht weniger „Willkür“ und/oder „Unrecht“ als jede andere Grenze auf der Welt auch. Vielleicht ist man ja „nur“ anderenorts nicht so ewig beleidigt, wie wir hierzulande. Ob das gut ist oder weniger gut, das steht auf einem anderen Blatt Papier.

Aber eigentlich interessiert mich heute etwas anderes, nämlich die Frage: Wo hört für all diese Grenzziehungs-Unrechts-„Aktivisten“ eigentlich das Unrecht und die Willkür einer Grenzziehung auf? Am Brenner, also  vor der eigenen Haustür? Bei der eigenen Geschichte, den eigenen Ressentiments, der Herrgottswinkelpolitik? Gilt es nur, das Prinzip der Unrechts-Grenze, wo es bequem in den ureigenen Kram passt, und den eigenen Interessen dient?

Wie kann es sein, dass keiner (wirklich keiner! und keine!) dieser Grenz-Spezialisten und Grenz-Unrechts-Freaks das Thema „Unrecht“ zu übertragen imstande scheint, auf jene grauenvoll unrechte/n Grenze/n im Süden Europas? Welche Grenzen könnten das Prädikat „Unrecht“ besser verdienen als jene, an denen Tausende Menschen ihr Leben lassen, Menschen, die im Übrigen nichts verbrochen haben, sondern nur auf der falschen Seite des Mittelmeeres geboren wurden? Und die sich damit nicht abfinden zu wollen?

Sie alle, die Sezessionisten also, sind doch glatt imstande – die Südtiroler Freiheitlichen tun sich dabei besonders hervor – aus ein und demselben Mund in die eine Richtung, also gen Süden, „Das Boot ist voll“, „Schotten dicht“, „Grenzen zu“ zu rufen, und in die andere, gen Norden, „Grenzen auf“, „Grenzen weg“. Wie scheinheilig ist das denn?

Aber das geht noch „besser“: Sie sagen nicht einmal etwas gegen gegen das Unrecht, das derzeit und schon seit Monaten am Brenner passiert, also an der eigenen und ganz nahen „Unrechts“-Grenze. KeineR von ihnen, nicht eineR, hat sich darüber erregt, oder gar dagegen demonstriert, dass Polizist_innen aus drei Ländern eine Grenze patrouillieren und wieder beleben, die (gesetzt den Fall, die Sezessionisten hätten Recht…) eigentlich gar nie hätte sein dürfen, und jedenfalls schon längst keine mehr ist.

Womit sie sich, alle, ausnahmslos und endgültig, bis ans Ende aller Tage und restlos: Unglaubwürdig gemacht hätten.

PS: Ja doch, ich höre sie, wie sie rufen, aber das ist es doch gerade, was wir wollen, alle Grenzen abschaffen und sie durchlässig machen, und wir fangen bei Südtirol an. Und es zeigt sich jetzt, klarer und deutlicher denn je, wie lächerlich das doch ist, denn nur umgekehrt kann, wenn überhaupt, ein Schuh daraus werden: Erst, wenn es keine Grenze/n mehr geben wird, vor der unschuldige Menschen, Frauen und Kinder, ihr Leben lassen müssen, einfach so, ohne besonderen Grund, erst dann wird es vielleicht legitim sein, über die Abschaffung anderer Grenzen zu diskutieren, die für niemanden ein Problem sind (außer, zugegeben, außer für ein paar Nostalgiker und Ressentiment-Behaftete), und lebensbedrohlich schon gar nicht.

PPS. Für die „schöne Typo“ (hier: Beitragsbild) – Zitat eines hochgradigen Selbst-Könners/Fachmannes – danke ich //www.mottodistribution.com/site/?p=22578. Ich hoffe, man nimmt’s mir dort nicht übel, dass ich, einfach so, frisch drauflos „geteilt“ habe.

ein Kommentar

  1. europa könnte sofort ausreichend viele fähren übers mittelmeer zu den flüchtlingen senden und diese gefahrlos in einzurichtende flüchtlingslager in verschiedenen eu-ländern bringen (die flüchtlinge wollen für die überfahrt sogar bezahlen). kein flüchtling müsste mehr ertrinken und europa könnte den flüchtlingsstrom kontrollieren. das geschäft der schleuserbanden wäre sofort zu ende.

    die europäischen regierungen, zusammen mit den usa (ttip), vertreten nicht mehr ihre bürger, sondern nur noch die interessen von banken und fast 150 global agierenden konzernen. das angestrebte “wirtschaftswachstum” hat, seit wir die ehemalige soziale marktwirtschaft (wohlstand für alle) verlassen haben, nichts mehr positives. “wachstum” bedeutet heute wachstum der armut und wachstum der hungernden menschen auf unserem globus. diese politik mit unserem gegenwärtigen system sorgt weltweit für aufstände der unterdrückten, bürgerkriege, armut und hungersnot. wir gierigen konsumenten sind aber ebenso die täter, mit unserem konsumverhalten lassen wir all dies zu.

    fragt nicht mehr was eure regierungen gegen all die armut und hungesnot auf unserem globus tun können, fragt euch selbst, was ihr dagegen tun könnt.

    insgesamt gibt es wohl 200 millionen migranten auf der welt. allein durch afrika ziehen 20 millionen – selten willkommen und durch mauern und gesetze nicht aufzuhalten, viele auf dem weg nach europa. schon 1990 ging der film “der marsch” von einer unbestimmten zukunft aus, in der aufgrund des klimawandels grosse teile afrikas unbewohnbar geworden sind und in europa die rassistischen spannungen zugenommen haben. nun wird “der marsch” wiklichkeit. https://campogeno.wordpress.com/2015/04/22/ansturm-der-armen/

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