Vom Privileg, helfen zu können

Und während also da draußen diese erschreckende Gewalt-Orgie unser Land in Geiselhaft genommen hat – und ich meine hier einmal die andere Seite, die, die ganze Volksgruppen diffamiert und ihre Angehörigen unbesehen und ungeprüft zu Verbrechern deklariert und abstempelt, denn auch das ist Gewalt -, und während fast alle dabei zusehen, und nichts dazu zu sagen haben, selbst die nicht, die reden müssten; und während weiterhin viel zu viele mitmachen, und die Welle weitertragen, und sie aufschaukeln, sogar Menschen, die Verantwortung tragen, und Vorbilder sein sollten, derweil also möchte ich diese kleine Geschichte erzählen. Sie ist mir gestern wieder eingefallen, als mir eine Bekannte erzählt hat, wie eine pakistanische Grundschülerin von ihrer Klasse gemobbt wird, sie solle aus dem Land verschwinden, und alle anderen Ausländer auch, sie seien doch alle Verbrecher.

Ja. Wenn Kinder das Fieberthermometer einer Gesellschaft wären.

Ihnen allen zum Trotz, ja wirklich, möchte ich jetzt diese kleine Geschichte erzählen, sie ist vom Herbst letzten Jahres, und stammt aus allererster Hand, nämlich von meinem ehemaligen Partner und Vater meiner Tochter, der im örtlichen M-Preis gerade seine Einkäufe auf das Laufband geladen hatte, und sie bezahlen wollte, als er feststellte: Portemonnaie vergessen. Und während er also im Begriff war, zu tun was heutzutage und normalerweise alle tun, die sich in einer solch unguten Situation wiederfinden (früher, noch vor wenigen Jahren, hätte man problemlos anschreiben lassen können, doch dann kamen die „Konzerne“, und nahmen uns das Dorfleben ab), nämlich die Sachen wieder vom Laufband klauben und in die Regale zurück stellen, so gut und wo’s geht, tippte ihm jemand auf die Schulter, und sagte, das sei doch kein Problem, er – also diese Person – gebe ihm doch das Geld, wegen dieser paar Euro, das sei doch wirklich kein Thema.

Die Verblüffung war groß, denn, man stelle sich vor, dieser ungewöhnlich hilfsbereite Mensch war nicht nur ein völlig Unbekannter, sondern auch ein so genannter „Ausländer“, aus Pakistan, den wie gesagt, mein Ex noch nie gesehen hatte. Von einem wie auch immer gearteten „kennen“ ganz zu schweigen.

Diese Tatsache aber focht den Herrn – ich habe diese Titulierung hier sehr bewusst gewählt, selten, dass sie so treffend wäre – aus Pakistan kein bisschen an, ach, sagte er, du wirst schon eine Gelegenheit finden, deine Schuld zu begleichen, und lachte freundlich, er mache sich da überhaupt keine Sorgen.

Und so kam’s, dass ein völlig Unbekannter aus Pakistan einem Einheimischen, der sein Portemonnaie vergessen hatte, den Einkauf bezahlte, einfach so, und er erwartete sich nichts dafür, nicht einmal unbedingt, dass er sein Geld auch wiedersehen würde.

So sind sie also, die „Verbrecher“ aus dem Ausland, und wir, wir waren uns einig, mein Ex und ich: Kein Einheimischer hätte das Gleiche getan, nicht für Bekannte, auch nicht für bekannte Einheimische, für unbekannte Einheimische schon gar nicht, aber auf gar keinen Fall für einen unbekannten Ausländer.

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