Es ist ja der 25. November der Tag der Gewalt gegen Frauen. Ein wichtiger Tag, zweifelsohne, und es sind wichtige Botschaften, die uns heute auf verschiedenste Weise erreichen: Videos, eigens gedacht konzipiert und gedreht, Texte, Artikel und Fotos, um auf dieses – gewaltige! – Problem aufmerksam zu machen. Hoffen wir, dass all diese Botschaften auch ankommen, dort, wo sie ankommen sollen und die auch erreichen, die sie erreichen sollen.

Hier bei uns, im heimischen Südtirol wurde heute die App „Sicherheitstipps für Gitschn“ vorgestellt, und ich bin nach wie vor zweigeteilt in dieser Hinsicht. Während ich vorhin das Bügeleisen über meine Blusen schob, habe ich mir überlegt, dass ich diese und ähnliche Sicherheitsvorkehrungen für Mädchen und (junge) Frauen zwar letztlich doch gutheißen kann, aber nur, wenn sie als Stärkung empfunden und empfangen werden, wenn also Mädchen (und Frauen) sich dank dieser und anderer Sicherheitsmaßnahmen in ihrem Sinne ernst genommen, geschützt und beschützt fühlen, und also wachsen und sich stärken können. Wenn sie also nicht, von diesen und ähnlichen Maßnahmen gewissermaßen in einer Opfer-Rolle festzementiert werden.

Ich hatte ja vor einiger Zeit auf Salto.bz einen Text veröffentlicht, der einigen Staub aufgewirbelt und sehr viele der männlichen Leser sehr erbost hat. Keine Ahnung, immer noch nicht, was die Erbosten in jenen Zeilen von mir erkannt haben, und was ich immer noch nicht erkennen kann, denn ich bin nach wie vor der Meinung, dass der Weg ein anderer sein muss, einer, der Mädchen (Frauen) stärkt, und Männer sensibilisiert. Und nicht umgekehrt. Das wäre ja sonst nachgerade so, als würde sich die Menschheit darauf beschränken, den Bürgern einzuschärfen, wie sie sich gegen Einbrecher schützen können – aber wenig bis gar nichts, um der Entstehung, der Entwicklung und dem Fortbestand der letzteren „Berufsgruppe“ entgegen zu wirken und sie zu unterbinden. Mal ganz vorsichtig ausgedrückt.

Da fällt mir auf: Schon interessant, unsere generelle Opfer-Fixiertheit.

Ja, und nachdem ich also der Meinung bin, dass wir starke Mädchen heranbilden müssen, Mädchen, die sich als Opfer gar nicht eignen, weil sie einfach nur so strotzen vor Selbstbewusstsein und Stärke, und nachdem’s ja eh bald Weihnachten ist, möchte ich diese Gelegenheit nutzen, um den Weihnachtsklassiker „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ vorzustellen. Seit meine Tochter klein war, ziehen wir uns diesen schön und aufwändig gestalteten Märchenfilm mindestens zwei Mal pro Weihnachtszeit rein, und es ist immer noch nicht genug, nach all den Jahren, 15 sind’s mindestens. Ohne dieses Aschenbrödel ist’s kein Weihnachten. Damit sind wir, meine Tochter also und ich, keineswegs allein: „Süddeutsche Zeitung Magazin“ hat schon am 19. November „Alle Sendetermine für drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ (es sind 17, mit Start am 30.11. und Stop am 26.12.) in Facebook geteilt.

Was ich aber sagen wollte: Erst letztes Jahr wurde mir klar, und zwar ziemlich plötzlich und unvermutet, was ich so besonders finde an diesem Märchen bzw. seiner Protagonistin. Dieses Aschenbrödel ist nämlich nicht nur sehr intelligent, sehr hübsch und sehr fleißig – sie ist auch sehr keck und sehr selbstbewusst, sie schießt schärfer und trifft besser als der jagende Prinz und seine Kumpane, sie ist auf Bäumen genauso gewandt unterwegs wie im Ballsaal, und auch zu Pferd ist sie schneller und sicherer als der königliche Sohn, der am Ende des Märchens ihr Mann werden soll – aber auch erst, nachdem sie ihn keck daran erinnert hat, dass er erst Mal sie fragen müsse, ob sie ihn überhaupt wolle. Wohlgemerkt: Sprach das Aschenbrödel zum Prinzen.

Aber auch der Prinz ist nicht aus Pappe, und lässt sich von all dieser ebenso weiblichen wie anmutigen Gleich- bis Überlegenheit kein bisschen aus der Ruhe bringen, sondern im Gegenteil sogar erst richtig anziehen.

Ja, das war’s, was ich eigentlich sagen wollte: Starke Mädchen eignen sich vielleicht weniger als Opfer.

Und jetzt, weil noch ein bisschen Platz und ein bisschen Zeit ist, zwei Worte zur Autorin der Geschichte und Schöpferin des ungewöhnlichen Märchen-Mädchens und seines nicht minder ungewöhnlichen Prinzen: Bozena Nemcovà wurde 1820 in Wien geboren und starb 1862 in Prag. Sie stammte aus einfachen Verhältnissen, durfte aber dank der Dienstherrin ihrer Mutter eine gute Bildung genießen. Als 17jährige musste sie auf Drängen ihrer Mutter einen ungeliebten und um einiges älteren Mann heiraten. Die Ehe war und blieb unglücklich, nicht nur, weil ihr Mann seiner Frau gegenüber gewalttätig war. Zwar blieb Nemcovà an der Seite ihres Mannes und brachte vier Kinder zur Welt, sie bemühte sich aber auch sehr um ein eigenständiges Leben. Ihrer Zeit war die auch politisch interessierte und engagierte Autorin und Märchensammlerin weit voraus.

Ja, so war das also, am heutigen Tag der Gewalt gegen Frauen, in welchem Zusammenhang ich grad bemerke, dass sie  ja doch noch „rund“ wurde, die Geschichte über (Den Tag der) „Gewalt an Frauen“, dem Märchen vom Aschenbrödel und seinen drei Haselnüssen und nicht zuletzt die eigenwillige Bozena Nemcovà, die sich ihre Unabhängigkeit und ihre Freiheit schuf und bewahrte, indem sie – auch – Märchen sammelte.

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