(Ich will keine Wutbürgerin sein)

Um direkt mit der Tür ins Haus zu fallen, und es durch eine Hintertür wieder zu verlassen: Das so genannte „Wutbürgertum“ und alles, was darum herum und darauf auf-gebaut wird und werden soll, macht mir ein bisschen Angst. Ich weiß, ich stehe mit dieser Angst eher allein da – sie ist aber  da und lässt sich kein bisschen weg reden oder -wünschen. Zwar weiß ich aus persönlicher Erfahrung: Wut und Zorn sind ein erstklassiger und ziemlich potenter Motor, aber sie müssen auf klein(st)er Flamme köcheln bzw. in etwas Konstruktives münden und umgeleitet werden. Anderenfalls ist die Gefahr groß, dass sie blind machen und ihre Wirkung rein zerstörerisch ist. Oder vielleicht so: Wut ist ein erstklassiger Initialzünder – mehr sollte sie aber nicht sein (dürfen), denn: Auf (aus) Wut allein lässt sich nicht(s) bauen.

Jedenfalls – oder auch: die Hintertür, deretwegen ich mit der Vordertür ins Haus fiel – las ich neulich „Hannah Arendt oder Die Liebe zur Welt“ (Alois Prinz, bei inseltaschenbuch). Hannah Arendt sieht die Sache mit der Revolution und den Revolutionären, also den Großmüttern und -vätern der modernen Wutbürger, so:

Das Buch über die Revolution knüpft an Vita activa an. Dort ging es darum, was eigentlich Handeln bedeutet, nämlich Initiative ergreifen, zusammen mit anderen etwas Neues beginnen. Revolution ist nun sozusagen Handeln im großen Maßstab, das Ereignis, mit dem in der Geschichte eine alte Ordnung über Bord geworfen und ein neuer Anfang gewagt wird. Der Mut und die Begeisterung, etwas Neues anzufangen, wobei man eigentlich keine rechte Vorstellung davon hat, was dabei herauskommt, das ist für Hannah Arendt etwas Mitreißendes, etwas „ganz Echtes“, eine elementare Erfahrung der Freiheit.

Gleichzeitig stellt sich die Frage, was aus diesem ersten spontanen Impuls wird. Wie kann man verhindern, dass er in Chaos und Gewalt endet? Wie kann man Einrichtungen und Absicherungen schaffen, um diesen Impuls zu erhalten und ihn zu stabilisieren?

Hannah Arendt beantwortet diese Fragen anhand der zwei wohl bekanntesten Revolutionen in der Geschichte: der Französischen Revolution und der amerikanischen Revolution. Diese zwei historischen Ereignisse sind Musterbeispiele dafür, wann eine Revolution glücken kann und wann sie missglücken muss.

Die Französische Revolution zeige einen Verlauf, der ab einem bestimmten Punkt von der ursprünglichen Richtung abweicht. Dieser Punkt war erreicht, als es den gemäßigten Girondisten nicht gelang, eine neue Verfassung durchzusetzen, und die radikalen Jacobiner die Befreiung der Massen von Not und Leid zum obersten Ziel machten. „Die Republik? Die Monarchie? Ich kenne nur die soziale Frage“, rief Robespierre aus. Eben mit dieser neuen Fragestellung, so Hannah Arendt, habe sich die Revolution zum Scheitern verurteilt. Jetzt wurde das Mitleid mit dem Volk, mit den Unglücklichen und Notleidenden zur politischen Tugend. Mitleid ist jedoch nur gegenüber einem einzelnen Menschen möglich. Gegenüber einer Masse wird es abstrakt und wirkt sich politisch verheerend aus. Das Elend eines ganzen Volkes sprengt sozusagen das Fassungsvermögen des Mittleids und es neigt dann dazu, dieses maßlose Unglück auch mit maßlosen Mitteln abschaffen zu wollen, sprich mit Gewalt. So kommt es zu dem merkwürdigen Paradox, dass jemand aus Menschenliebe und Mitleid bereit ist, über Leichen zu gehen.  „Immer wieder“, schreibt Hannah Arendt, „war es die Maßlosigkeit ihrer Emotionen, welche die Revolutionäre so seltsam unempfindlich für das faktisch Reale und vor allem für die Wirklichkeit von Menschen macht, die sie immer bereit waren, für die Sache oder den Gang der Geschichte zu opfern.“ Diese „emotionsgeladene Umempfindlichkeit“ entsteht dann, wenn das Handeln von Wut geleitet wird und wenn das Ziel nicht mehr die Freiheit ist, sondern „die schiere Wohlfahrt und das Glück“.

Ganz anders ist die Amerikanische Revolution verlaufen. In ihr spielte die soziale Frage so gut wie keine Rolle, weil das Land reich war und eine Massenarmut und wirkliches Elend wie in Frankreich nicht kannte. Der „Fluch der Armut“, so Hannah Arendt, lag für die amerikanischen Revolutionäre nicht nur in der materiellen Not, sondern auch in der „Dunkelheit“, nämlich darin, dass man „von dem Licht der Öffentlichkeit ausgeschlossen ist“. Dementsprechend lag den Gründervätern alles daran, Einrichtungen zu schaffen, die es so vielen wie möglich erlauben sollten, an der Meinungsbildung mitzuwirken. Statt dem ominösen „Willen des Volkes“, auf den sich die französischen Revolutionäre beriefen und der im Grunde nur ein Freibrief für Willkür war, gab es in Amerika Versammlungsstätten wie die „townhall meetings“, wo die einfachen Leute wirklich ihre Meinung äußern konnten. Statt Gewalt bildete sich auf diese Weise Macht, die auf einem gemeinsamen Willen beruhte. Der Grundgedanke dabei war, den revolutionären Aufbruch sozusagen  immer wieder zu wiederholen. Und das hing in erster Linie davon ab, ob und in welcher Weise es gelang, den Einfluss der Bürger auf die Politik zu erhalten. Die Repräsentation durch Abgeordnete sollte nicht nur ein bloßer Ersatz für die direkte Teilnahme des Volkes sein. Im Hinblick auf die weitere Entwicklung schreibt Hannah Arendt: „Für eine vernünftige Meinungsbildung bedarf es des Meinungsaustauschs; um sich eine Meinung zu bilden, muss man dabei sein; und wer nicht dabei ist, hat entweder – im günstigsten Fall – gar keine Meinung oder er macht sich in den Massengesellschaften des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts aus allen möglichen, konkret nicht mehr gebundenen Ideologien einen Meinungsersatz zurecht.“

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