Wer geschützt werden soll

Ich trage das jetzt schon ein Weilchen mit mir herum. Es hatte vor längerer Zeit auf http://www.salto.bz einen Beitrag über Ausländerfeindlichkeit gegeben. Ist ja immer ein heißes Thema, und unsere „einzige“ und vielgelesene Tageszeitung „Dolomiten“ (auch als „Tagblatt der Südtiroler“ bekannt – die Südtirolerinnen sind hoffentlich mit gemeint) hilft fleißig mit, das eh schon schwierige Thema „heiß“ und am Köcheln zu halten. (Liebe Dolomiten-Macher: Ich habe gerade auf Facebook eine Seite gesehen, die nennt sich „Stimmen für Menschlichkeit“ (bei Martin Borger). Das wäre doch eine nette Alternativ-Kampagne, für Ihre Zeitung. Jeden Tag eine „Stimme für Menschlichkeit“, statt „Stopp der Gewalt“).

In jenem Salto-Text also ging es unter anderem um die private Facebook-Seite eines Mannes, der sich dort mit Namen, Vornamen, Foto, Wohn- und Arbeitsort (ja! Null Scheu! Null Scham!) vorgestellt hatte, um dann über diese seine Seite Hass-Parolen gegen Ausländer im allgemeinen und gegen muslimische Menschen im Besonderen in seine offensichtlich ziemlich enge und hässliche Welt hinaus zu kotzen. Ja, ich kann’s anders nicht sagen, denn so war’s. Manches von dem, was da geschrieben stand,  war so widerwärtig, dass mir immer noch fast übel wird, wenn ich daran denke (war nichtsdestotrotz ordentlich geliked worden). Ich schwöre, ich habe drei Mal und noch öfter hingesehen, um mich zu vergewissern, dass diese Seite kein „fake“ war, kein schlechter Witz. Sie war’s nicht, weder ein Fake noch ein schlechter Witz. Sie war absolut und einfach: realste Realität. Irgendwo hatte der Typ sogar Hitler herbeigefleht: „Adolf, hilf“. So stand’s da geschrieben.

Keine Ahnung, wie diese Seite so lange so unbehelligt da rumstehen konnte. Aber wenn – wie geschehen, gesehen, selbst erlebt – auf einer anderen Facebook-Seite  ein User einen anderen durchaus gesittet und mit Manier mit „du bist ein böser Mensch“ tituliert, dann wird das bei den Assistenten von Mr. Zuckerberg gemeldet, die schauen sich das an, und dann wird gelöscht. Nicht zu fassen, meine ich, in Anbetracht dessen, was sonst so passiert im Netz, und auf Facebook.

Ich wollte aber etwas anderes erzählen, nämlich dass sich unter jenem Text auf Salto ziemlich schnell eine kleine Diskussion entsponnen hatte, in deren Verlauf man sich einigte, dass die Seite jener Person gemeldet gehört, bei den zuständigen Stellen, also Postpolizei, Arbeitgeber (den der Hassprediger selbst kundgetan hatte! ich bin immer noch fassungslos darüber, was alles geht, und wofür Menschen sich nicht schämen) und was alles dazu gehört. So weit, so korrekt, würde ich mal sagen – kein Hass auf der anderen Seite, keine Lynchjustiz und auch kein Aufruf dazu oder was sonst noch alles und im so genannten Eifer des Gefechts falsch gemacht werden könnte in solchen Situationen. Nope. Einfach nur: Gehört gemeldet.

Aber so einfach ist das nicht, im Südtirol des Jahres 2014: Erst kamen da noch ein paar andere User angerauscht, und drängten sich mächtig nach vorn, empört schimpfend, was denn das hier sei,  dieser „Ton“, dieses Sich-gegenseitig-aufschaukeln, „Denunzianten!“, und noch ein paar  Relativierungen, à la „Mag schon sein, aber…“. Nein. Sie empörten sich NICHT über die Aussagen auf jener Seite – die dort standen, überprüf- und nachvollziehbar, für alle und jeden – auch für die Relativierer.

Kleiner Exkurs, mit Verlaub, weil sich’s gerade anbietet: „Denunziantentum“ wurde ausgesprochen, in jenem Zusammenhang, sogar hingeschrieben. Ob das jetzt bewusst geschah, oder einfach nur aus Unkenntnis, weiß ich nicht. Ich fürchte aber – durch den Kontext – dass der Begriff sehr wohl bewusst gewählt und gesetzt worden war.  Jedenfalls fand ich ihn unpassend, denn „Anzeige“ ist eine Sache, „Denunziation“ eine andere. Und jedenfalls ist „Denunziation“ –  im Gegensatz zur Anzeige – eindeutig und zweifelsohne negativ besetzt – vielleicht, weil Denunziation ja tatsächlich etwas Verwerfliches ist, ziehen doch Denunzianten und auf Kosten des Angezeigten meist einen persönlichen Vorteil aus der „Anzeige“ – das ist ja auch,  was sie von einer Person, die „anzeigt“ unterscheidet. Vielleicht auch noch die Tatsache, dass Denunzianten sich besonders gut vermehren in „Unrechts-Systemen“, wo Recht zu Unrecht wird und also (eigentlich) Rechtmäßiges angeklagt werden kann und wird.

Die Sache endete mit einem mittleren Salto-Eklat: Die Kommentare, die guten und die schlechten, wurden aus dem Netz genommen, der Auslöser-Text vorübergehend auch, dann aber – der Name des Hass-Predigers geschwärzt  – ganz vorsichtig und klammheimlich wieder eingestellt.

Es herrschte wieder Ruhe, auch für die Hass-Seite, die „private“, wobei mir noch niemand erklärt hat, wie etwas privat sein kann, das von Meran über Hongkong und New York bis nach Mombasa von jedem Menschen beliebig eingesehen werden kann.

Nur ich war nach wie vor beunruhigt und auch ein bisschen verwirrt, ich gestehe es, über die ver-rückten Verhältnisse, die bei uns (auch schon alleweil) herrschen: Wenn ich’s ganz genau nehme, dann schaudert mich, und nein, Demokratie muss nun wirklich nicht ALLES ertragen. Demokratie muss auch Grenzen setzen, und „Stop!“ sagen. Wir sehen ja, wo das sonst hinführt.

Und überhaupt: Es ist ja nicht damit getan, dass dieser Mensch sich diese Seite baut, sie steht ja nicht isoliert in der Facebook-Welt herum. Dieser Mensch ist eine Quelle für andere und er hat Quellen, und es müssen viele Quellen sein, und auch die bedienen sich wiederum aus Quellen und so lange niemand die stört, diese Quellen und ihre Zuflüsse, so lange werden sie sich weiter verbreiten, hier still, dort weniger, und irgendwann dann stehen wir vor der Katastrophe und fragen uns, ja hat’s denn niemand kommen sehen?

Kurz darauf las ich dann diesen Text (Spiegel Online), und insbesondere diesen Absatz – ja, die beiden haben mich schon sehr beruhigt:

Es dauerte nicht lang, bis auf der Seite offen und aggressiv gegen Flüchtlinge gehetzt wurde: „Ab nach Dachau mit denen. Ich heiz‘ den Ofen schon mal vor“, hieß es etwa in einem Eintrag in Anspielung auf ein Konzentrationslager der Nazis nahe München. So berichtete es die „Passauer Neue Presse“. Zwar ist der Eintrag mittlerweile gelöscht, die Sache ist aber inzwischen ein Fall für die Kriminalpolizei. Sie ermittelt gegen zwei Personen, die volksverhetzende Postings auf der Internetseite hinterlassen haben sollen. Es handele sich um einen 21-jährigen Mann und eine 26-jährige Frau, sagte ein Sprecher des Polizeipräsidiums Niederbayern SPIEGEL ONLINE.

Heute lese ich auf www.stol.it, dass die Erkenntis über die strafrechtliche Relevanz von Hasspostings auf Facebook auch in Italien und Südtirol angekommen ist. Gut so, auch wenn man bei „stol“ das Augenmerk in dieser Sache mehr auf „Jugendliche“ lenkt. Ich persönlich finde hasspostende Erwachsene ja um Längen gefährlicher.

Eine Frage aber steht immer noch unbeantwortet vor mir herum: Wessen Persönlichkeitsrechte genießen Vorrang? Die Rechte von zwar namentlich nicht genannten, nichtsdestotrotz eindeutig identifizierbaren und als solche verunglimpfte und aufs übelste beleidigte Mitglieder unserer Gesellschaft – oder die von deren Beleidigern, also den Hasspostern?

NB: Warum ich den Namen jenes Hassposters nicht nenne? Hm. Gute Frage. Wichtige Frage.

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