Das Binnen-I und Konsorten erschrecken die Welt, die heimische zumal. Wenn’s nicht so traurig wäre, dann wäre es bestimmt spannend und jedenfalls faszinierend, zu beobachten zu studieren zu erforschen, was im Grunde oder in Wahrheit diese Menschen, hauptsächlich aber leider nicht nur Männer, so sehr bewegt und ängstigt an diesem kleinen Buchstaben, der – wenn groß geschrieben – mitten im Wort sich hinstellt und sagt: Schau, (die) Frauen sind auch da!

Vielleicht wär’s diesen Männern und Menschen ja auch in Wahrheit viel lieber, die Frauen wären nicht da, oder zumindest nicht so sichtbar.

Neulich sprach sogar ein Herr Schwarz, glaube ich, von der Titelseite der „Dolomiten“ zum Binnen-I, und dass es getilgt gehöre, vom Angesicht der Südtiroler Erde. ManN stelle sich vor, das Tagblatt der Südtiroler beschäftigt sich mit feministischen Belangen. Das ist natürlich nicht wahr, das tut es natürlich nicht, das „Tagblatt der Südtiroler“ (!), wo kämen wir auch hin, der Vorausschicker vom Dienst reihte sich vielmehr ein in den glanz-, vermutlich glück- aber ganz sicher humorlosen Chor derjeniger, die den Sprachgerechtigkeit fordernden Frauen unterstellen, sie würden der Sprache alles Schöne und jegliche Eleganz nehmen, aus purem Eigennutz, und Egoismus. Ja wirklich, es ist ja fast schon rührend, wie viele Menschen und wie sehr sich plötzlich um die Schönheit der deutschen Sprache sorgen.

Ich habe aber die empörten Aufschreie all dieser selbst ernannten Sprachkümmerer nicht gehört, als das iPhone (da! ein Großbuchstabe mitten im Wort!) und das iPad (da! schon wieder!) in die Welt kamen. Sie nutzen’s alle fleißig, das Binnen-P, und machen sich überhaupt keine Sorgen um die Schönheit ihrer Sprache. ManN beachte: Nicht nur Binnen-P, auch noch ein Anglizismus, der sich da anschleicht, als Sprachschänder. Aber keineR sagt was. Ist das nicht merkwürdig? Und nein, ich habe auch keinen Aufschrei all dieser selbst ernannten Sprachpfleger und -konservierer gehört, damals, als die neue deutsche Rechtschreibung unser aller Lese- und Schreibe-Leben ziemlich gründlich umkrempelte. Da sollte doch, möchte gemeint sein, die Verwendung eines kleinen Binnen-I (oder anderer Sprachformen zugunsten des Weiblichen) kein Thema sein.

 Ich vermute ja, ehrlich gesagt, die haben alle gar nichts mitbekommen, von jener Reform unserer Sprache, überhaupt nichts davon gemerkt, diese selbst ernannten Sprachkümmerer, und Sprachwächter.

Was ich aber gar nicht verstehe, und sogar besonders ärgerlich finde, ist, wenn Frauen selbst ganz laut nach vorne drängeln, um ihren Geschlechtsgenossinnen und deren Arbeit gewissermaßen in die Suppe spucken. Warum tun sie das? Wollen sie sich anbiedern, irgendwo, und lieb Kind machen, bei irgendwem? Denn etwas müssen sie sich ja versprechen davon, wenn sie gegen ihresgleichen und letztlich sogar gegen ihre ureigenen Interessen vorgehen, und so heftig, so bösartig, so frustriert. Ob sie womöglich Sorge haben, das böse Image der „Feministinnen“ und Emanzen könne auf sie abfärben, wenn sie sich nicht frühzeitig und klar abgrenzen – und ihnen ihre Chancen, seien die nun politischer oder privater Natur, beim anderen Geschlecht verderben?

In Wahrheit aber glaube ich, geht’s um etwas ganz anderes, denn es fällt doch auf, nicht wahr, wer sich vornehmlich und am engagiertesten um gesellschaftliche Rückschritte bemüht, in Frauenbelangen, aber nicht nur. Wir wollen aber doch, als Gesellschaft, nicht zurück, in Frauenbelangen nicht, und überhaupt nicht – oder?

Jedenfalls ist es an diesem Punkt ganz schön folgerichtig und äußert konsequent, dass gewisse Kreise nach  Vehikeln suchen, mit deren Hilfe sie ihre wahren Anliegen in die Gesellschaft transportieren;  die Südtiroler FreiheitlichInnen haben sich ihre nördlichen Brüder im Geiste zum Vorbild genommen und sich einer Art „Petition“ angeschlossen, mit der sie fordern, die feministischen Sprachverschandelungen müssten (wieder) in der Versenkung verschwinden – auch in Südtirol, wo ich ja nun nicht wirklich den Eindruck habe, dass feministische Sprach- und überhaupt feministische Vereinnahmung drohe – leider. Der Landtag, habe ich verstanden, solle darüber befinden, ob die weibliche Hälfte der Gesellschaft auch sprachlich eine Existenz-Berechtigung haben soll oder nicht.

Bestimmt, das Südtiroler Leben ist schon kompliziert genug – schließlich müssen Menschen sich hierzulande mit drei offiziellen Sprachen herumschlagen, mit ebensolchen Gesetzestexten, mit zwei- und/oder mehrsprachigen Ortsschildern und -namen, mit drei eingeborenen Kulturen und Geschichten, und auch sonst noch mit einem Haufen Komplexitäten – und jetzt soll zu alledem auch noch gegendert werden. Schon klar, dass das die intellektuellen Fähigkeiten so mancheR überfordern dürfte, in jenen (politischen) Kreisen zumal,  in denen sich Parteikollegen zum Geburtstag mit Penisringen überraschen. Oder war’s gar der Obmann der FreiheitlichInnen, die Frau Ulli Mair, die – von Parteikollege zu Parteikollege, also im ganz kleinen Kreis – mit der Kreation von Beate Uhse beglücken wollte? Egal, jedenfalls kam das sinnige Geschenk von einem weiblichen Landtagsabgeordneten, und war adressiert an (s)einen männlichen Kollegen.

Zugegeben, geschlechtergerechte Sprache macht eine gewisse Mühe, und sie ist, ebenfalls zugegeben, nicht nur mit einem gewissen intellektuellen, sondern auch mit einem gewissen zeitlichen Aufwand verbunden. Einerseits. Was aber ist, andererseits, nicht mit einer gewissen Mühe verbunden, das auf eine bessere und gerechtere Gesellschaft hin arbeitet? Spontan fällt mir als Beispiel das Recycling ein: Es ist ein beträchtlicher Aufwand – aber wer würde es wagen, sich ihm zu verweigern?

Eben – und genau darum geht’s: Wer sich gegen geschlechtergerechte Sprache auflehnt, wer sich diese – vergleichsweise verschwindend geringe Mühe – nicht antun will, der sagt doch im Grunde nur, dass ihm die weibliche Hälfte der Gesellschaft, der Welt, diesen Aufwand, diese kleine Mühe nicht wert ist.

Und jetzt sage mir mal eineR: Warum sollten solche Leute bei Wahlen, zum Beispiel, mit den Stimmen dieser weiblichen Hälfte der Gesellschaft rechnen dürfen? Wenn sie sich nicht einmal die Mühe machen wollen, dieses Stimmvieh explizit anzusprechen? Die sollen sich bei der nächsten Wahl doch bitte nur von jenen Menschen wählen lassen, mit denen sie kommunizieren (und sich von allen anderen gern „mitgemeint fühlen“.) Und warum sollten, noch ein Beispiel, lesende Frauen ihr hart verdientes Geld ausgeben für Medien, die sich nicht die (kleine) Mühe machen (wollen), diese ihre Kundinnen explizit anzusprechen?

Wer behauptet, anders ginge nicht, die lügt.

Und hier, weil’s Sonntag ist, zwei Sahnekirschlein für alle Willigen und Unwillligen, oder auch: Ein paar intelligente Beispiele, wie’s gehen könnte, wenn’s gewollt wäre:

www.derStandard.at:

„Beim Standard haben wir uns nach längerer Diskussion darauf verständigt, dass wir versuchen, im Sinne der besseren Lesbarkeit so weit wie möglich die männliche und weibliche Form zu verwenden“.

Die Sprachwissenschaftlerin: (diesen Text liebe ich ganz besonders, weil die Befragte „regt zum Nachdenken und sprachlichen Experimentieren an“.)

(…) darum, dass die Personen, die Texte schreiben, bewusst darüber nachdenken, wen sie ansprechen, wen sie wie erwähnen.

NB: Man aus der Verkaufsabteilung beim Tagblatt der Südtiroler wage es noch einmal, bei mir – Südtirolerin und Leserin, aber nicht vom Tagblatt – anzurufen zum Zwecke des Verkaufes eines Abos. Dann werden ich ihnen aber die LevitInnen lesen, denen vom Tagblatt der Südtiroler!

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