Der faule Mensch

Über Facebook, unerschöpfliche Informations- und Inspirationsquelle, bin ich über einen Artikel zum BGE gestoßen und eine kleine Diskussion über „faule“ Menschen. Es gibt ja keinen Text zum BGE, der ohne faule Menschen auskäme.

Mich hat das nachdenklich gemacht, denn die Frage, was einen Menschen zu „Leistung“ antreibt und/oder ihm die Freude am Schaffen nehmen könnte, beschäftigt mich seit geraumer Zeit. Ich glaube grundsätzlich nicht an „faule“ Menschen –  allein schon die Begrifflichkeiten…! „Faul“, das ist doch in erster Linie – ich überlege – ein organischer Körper? in Auflösung begriffen? von Fäulnisbakterien zersetzt? wertlos? Ich habe nach „faul“ gegoogelt, und überrascht gefunden, dass Wikipedia (!), die ja zu allem etwas zu sagen hat, zu „faul“ nichts hergibt, nichts zumal, was landläufig darunter verstanden wird.

Der gute alte „Duden“ aber weiß Bescheid:

  1. durch Einwirkung zersetzender Bakterien [und unter Entwicklung übel riechender Gase] in Gärung, Verwesung geraten, übergegangen [und dadurch verdorben, unbrauchbar]
  2. (umgangssprachlich abwertend) sehr zweifelhaft, bedenklich; nicht einwandfrei, nicht in Ordnung und daher unbefriedigend
  3. abgeneigt zu arbeiten, sich zu bewegen, sich anzustrengen; nicht gern tätig; bequem, träge
  4. (veraltend) säumig, nachlässig

Erst mit „Faulheit“ wurde ich auch auf Wikipedia fündig, und fand sogleich einen Verdacht bestätigt:

Nämlich den, dass der viel und gern zitierte „faule Mensch“ aus einer Zeit stammt, als „das Volk“ im Sinne eines größeren Ganzen erzogen werden musste, wobei ja Religionen oft hilfreich sind. Wikipedia also sagt: „Im Christentum gehörte die Faulheit seit alters her zu den sieben Hauptlastern.“ Und weiter: „Für die Puritaner stand ein fleißiges Leben voller Bescheidenheit (Askese) und Gottesfürchtigkeit an erster Stelle. Die protestantische Arbeitsethik und insbesondere der Calvinismus rückten wirtschaftlichen Erfolg verstärkt in das Zentrum menschlichen Seins.“

Arbeitslosigkeit war vermutlich in jenen Tagen noch kein Thema, und wer nicht von Haus aus reich war, überlebte ohne Arbeit wahrscheinlich nicht lange. Aber auch die Reichen wären vermutlich nicht lange reich geblieben, wenn nicht die Armen die Arbeit für sie erledigt hätten bzw. hätten die Reichen vermutlich über kurz oder lang ein Problem bekommen, mit den Armen bzw. Hungrigen. Insofern ist es durchaus nachvollziehbar, dass die Menschen zur Arbeit angehalten wurden, mit welchen Methoden auch immer, und dass Nicht-Arbeiten verpönt bzw. „gesellschaftlich“ geächtet war.

Aber das ist noch lange keine Bestätigung für die Existenz „fauler“ Menschen. Niemand wird „faul“ geboren, ich bin vielmehr überzeugt, es ist ein wichtiges Erkennungsmerkmal der menschlichen Rasse, dass sie (etwas) „schaffen“, im weitesten Sinne „kreativ“ sein und sich nützlich machen will, für den engsten Umkreis, aber auch im Sinne des großen Ganzen. Und ja, ich könnte mir vorstellen, dass es Menschen gibt, deren schöpferisches Potential und damit Lust und Freude an diesem Schaffen, am „Nützlich sein“, irgendwann und irgendwie eingeschränkt oder gar abgewürgt wurde. Und die „gelernt“ und verinnerlicht haben, dass „Arbeit“ etwas Negatives ist, etwas fürs niedere Volk und jedenfalls nie etwas, das Freude macht. Fragt sich bloß, ob in solchen Fällen Zwang eine Medizin sein kann.

Denn die Freude am Tun ist fundamental – für das Tun selbst, aber auch für das Ergebnis: Tun, welches immer es sei, muss sich lohnen, in einer Form oder der anderen. Dieser „Lohn“ kann vielfältige Formen haben – er kann die simple Freude am Ergebnis sein, er kann gesellschaftliche Anerkennung und Prestige sein, er kann aber auch ein mehr oder minder gehobener Lebensstandard sein. Jedenfalls aber ist die so genannte und gängige „Faulheit“ mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit eine Mär, eine der herrischen Kaste, und hat vielmehr ihre Grundlagen hierin (Wikipedia, noch einmal):

  • wenn die anzugehende Tätigkeit zu wenig attraktiv in der derzeitigen Situation ist (siehe Motivationspsychologie)
  • wenn die Tätigkeit wenig erfolgversprechend ist (siehe Lerntheorie)
  • wenn sie (in der Regel oder wahrscheinlich) mit Misserfolg verbunden ist (Lerntheorie)
  • wenn sie eine missliche Situation nicht zu verändern verspricht (Persönlichkeitspsychologie)
  • wenn die derzeitige Situation als angemessen und/oder akzeptabel empfunden wird (Motivation)
  • wenn ein Mangel an Antrieb in einem Individuum vorhanden ist (Motivation).

Zwang, welcher Art auch immer er sei, kann also kein Motivator sein, und ein guter schon gar nicht. Sicher ist auch, dass Zwang – und sei er nur der ökonomische Zwang des Überlebens – ein gewisses Maß an „Tun“ oder „Schaffen“ oder „Leistung“ hervorbringen mag, sicher ist aber genauso sehr, dass dieses Tun auf niedrigster Flamme geschieht, mit dem entsprechenden Ergebnis. Ich würde sogar die Behauptung wagen, dass Menschen, die freudlos tun, was sie tun, der so genannten „Volkswirtschaft“ enorme Schäden zufügen, ohne dass sie das wollten und ohne dass sie es wüssten, die es aber interessant wäre, zu untersuchen und zu beziffern. Jede Wette, dass enorme Summen ans Tageslicht kämen, und einen ausgezeichneten Grund lieferten für die Einführung des BGE. Denn es ist eine Sache, ob eine Tätigkeit gern und folglich mit Sorgfalt und Umsicht ausgeführt wird – gute bis außergewöhnliche Ergebnisse sind fast zwingend -, oder ob sie ausgeführt wird, weil sie ausgeführt wurden muss, ohne Freude und Sorgfalt und somit am untersten Ende des Möglichen.

Ob jetzt tatsächlich ein BGE die Menschen zu geistigen und kreativen Höhenflügen animieren würde, darüber bin ich mir nicht ganz sicher – ich bin mir aber sehr sicher, dass es „das Beste“ aus den Menschen heraus holen und eine starke gesellschaftliche Wirkung bis Umwälzung entfalten bzw. anstoßen würde – und sei es „nur“, weil plötzlich auch „schlechte“ weil unge-/unbeliebte Arbeiten einen ganz neuen Wert hätten, vielmehr:

Es gäbe keine „schlechten“ Arbeiten mehr, und also auch keine „faulen“ Menschen.

Bedingungsloses Grundeinkommen, die Zweite

 

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