Wenn die Vergangenheit nicht loslässt

Schon vor mehreren Wochen habe ich ein Buch zur Seite gelegt („Diese Dinge geschehen nicht einfach so“, Taiye Selasi), das ich hauptsächlich gekauft hatte, weil es darin um Heimat gehen sollte, zumindest laut ein(ig)er Rezension/en in den größeren Zeitungen, die ich lese. Ich neige dazu, denen zu vertrauen, auch wenn ich das manchmal im Nachhinein eher bereue. Gerade bei Buchempfehlungen habe ich letzthin doch oft den Eindruck, dass sie mehr von den (wirtschaftlichen) Interessen der Verlage bestimmt werden, als vom tatsächlichen Empfinden der ReszensentInnen.

Eines aber in der Geschichte, die Taiye Selasi erzählt, hat mich – mit Nachdruck – nachdenklich gemacht, und zwar diese: Die männliche Hauptfigur im Roman ist ein genialer Chirurg, dem eines Tages und gänzlich ungerechtigtfertigterweise ein Kunstfehler zur Last gelegt wird; er wird quasi als Bauernopfer dem Willen einflussreicher Geldgeber des Hospitals, in dem ihm eine glänzende Karriere bevorstand, geopfert. Was ihn dazu veranlasst, aus Scham darüber seine Familie – Frau und vier Kinder – ebenso umstands- wie anstandslos zu verlassen, fast schon klassisch, nach dem Schema „am Morgen zur Arbeit, alles regulär, und nie wieder gekommen“. Sein kleiner Sohn übrigens bekommt die Schmach seines Vaters zufällig, wirklich ein böser Zufall, mit. Ab hier zerfällt die Familie.

Bemerkenswert fand ich, dass die Autorin den Vater des Chirurgen in seinem Heimatdorf in Afrika ein ähnliches Schicksal erleiden lässt: Er wurde zu Unrecht öffentlich ausgepeitscht, und ging aus Scham darüber mit einem Stein am Fuß ins Meer.

Erst fand ich das alles sehr an den Haaren herbei gezogen, aber dann begann ich, mich zu fragen, ob es möglich ist, dass eine Familientragödie oder ein Familiengeheimnis über Generationen nachwirken und das Leben der Nachkommen über Generationen beeinflussen bis zerstören kann?

Das könnte ja nämlich erklären, warum es bei uns so viele junge Menschen gibt, die sich so heftig an der „Unrechtsgrenze“ von Anno Domini reiben und aufreiben. Wie ist das möglich, wie kann das sein – haben sie doch, innerhalb dieser Grenzen, nie etwas anderes erlebt als sicheres und gesichertes Leben in ruhigem Wohlstand? Was ist es, das sie veranlasst, sich so zu verhalten und so zu fordern, als seien sie selbst diejenigen, denen das Unrecht und der Schmerz zugefügt wurde, die vor zwei bis drei oder gar vier Generationen über ihr Land und seine Leute kamen? Als hätten sie jene Geschichte am eigenen Leib erlebt – derweil sie sie doch nur vom Hörensagen kennen (können), und manche von ihnen nicht einmal in der eigenen Familie? Was empfinden diese Menschen, und warum empfinden sie es – in vielen Fällen gegen jegliche Vernunft und oft vielleicht gar wider besseres Wissen?

Und könnte es erklären, warum so viele Menschen immer noch keinen größeren Wunsch haben – manche mehr, manche weniger, die einen laut, die anderen in der Stille ihres Herzens – dass der politische Zustand von einst wieder hergestellt werde – wo es so gut wie unmöglich ist, dass jener Zustand uns, unserem Sein und unserer Zukunft zuträglich sein könnte? Denn in 100 Jahren hat sich die Welt, die große draußen und die kleine hier herinnen gewandelt und verändert, und haben wir uns gewandelt und verändert, drinnen und draußen.

Ich kann es nicht verstehen, obwohl auch meine Eltern die Geschichte unseres Landes erlebt und unter ihr gelitten haben. Aber vielleicht war ihr Leid ja nicht groß genug, um mehrere Generationen überdauern zu können.

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