Ich habe keine Ahnung, warum ich gestern diesen Text auf www.zeit.de geöffnet habe, im Gegensatz zu vielen anderen, die sich mit den Nachwehen der Europawahl beschäftigen. Tatsache ist aber, dass ich mit nichts Besonderem gerechnet hatte, am allerwenigsten damit, dass er mein übles Bauchgrimmen in Sachen Separation, Sezession und allem, was damit zusammen hängt, rechtfertigen würde.

Insbesondere meine ich das Grimmen, das die Separatisten und Sezessionisten von Brennerbasisidemokratie mir verursachen: Sie nämlich kleiden ihre „Utopie“ (was für ein großes! Wort, für eine doch recht kleine! Idee) in ein europafreundlich-grün-progressiv-direktdemokratisch gemustertes Überkleid und tun so, als ginge es ihnen gar nicht so sehr um die Abspaltung Südtirols von Italien, sondern in erster Linie um die Regionalisierung Europas. Auf diese recht geschickte Weise konnte man sich auf der bbd-Plattform, so scheint mir, auch tatsächlich eine Nische erschließen, auf dem bunten Markt der Separatisten, und einer vorgestrigen Idee einen modernen Anstrich verpassen, wenn auch nur auf einen sehr oberflächlichen, ersten Blick.

Tatsache ist aber: Am Ende aller Sezessionsbestrebungen steht nun einmal das Gleiche, als da wäre: Ein neuer Staat und alles, was damit einhergeht, in einem alten Umfeld. Nichts Gutes also, und etwas Neues schon gar nicht.

Denn wo ein neuer Staat aus der Taufe gehoben werden soll, sind Grenzziehungs-Traumata unvermeidlich – außer, die neuen Grenzen wären so flexibel wie die Menschen, die darin leben, wie das zum Beispiel sachbezogene, freundschaftliche Zweckbündnisse gut sein könnten.

Womit ich bei meinem eigentlichen Anliegen wäre, also dem eingangs erwähnten Text. Er kommt von einer sehr glaubwürdigen weil gänzlich unverdächtigen Seite, und er sagt – wörtlich! – was man bei Brennerbasisdemokratie so gekonnt unterschlägt, nämlich: Nationalismus hat viele Masken – auch grüne, und linke.

Der Autor mit europäischen Multi-Kulti-Wurzeln und Wohnsitz in Schottland (wo seine Frau beheimatet ist) sagt weiter:

„Ich lebe in Schottland. Dort rumort es seit Jahren im völkischen Untergrund.“ (…) „Sie sammeln ihre Heerscharen mit Feldzügen gegen „englische Eliten“ und einem fiktiven Narrativ von Unterdrückung und  Ausbeutung. Ihre Anhänger tragen auf T-Shirts stolz den Slogan „Schottisch, nicht britisch“ zur Schau.“ (Kommt mir das bekannt vor?! Ja, tut es!)

Es spricht hier also ein Mensch, der die Situation in Schottland von innen heraus kennt, und das Treiben der dortigen Separatisten samt Folgen nicht mit dem verklärten Blick derer betrachtet (und wiedergibt), die davon träumen, es den Schotten gleich zu tun; die räumliche Entfernung tut das ihre dazu, um die Wahrnehmung zu verzerren, und so ist, was bei uns ankommt, von den Schotten und ihren Sezessionbestrebungen, ein „gephotoshoptes“, also gänzlich unrealistisches und bestenfalls halbwahres Bild.

Denn wer nur die Hälfte weiß, weiß gar nichts – in diesem Sinne hier „die andere Hälfte“ der schottischen Wahrheit:

Cameron entgegnete der Herausforderung als Demokrat, er bringt ein Unabhängigkeitsreferendum auf den Weg. Es wird im September über die Bühne gehen. Die Kampagne ist bitter, sie spaltet Familien, sie entzweit Freunde.

Etwas sehr ähnliches hatte ich, auf Südtirol bezogen, selbst schon einmal geweissagt, in einem Kommentar zu diesem meinem Beitrag auf Salto.bz und wurde prompt wenig freundlich in die Schmuddelecke verwiesen: (…) „der vergleich mit der option ist hingegen in der tat eine geschmacklosigkeit und kratzt an der verharmlosung totalitärer regime. in österreich ginge eine derartige aussage in richtung wiederbetätigung“. Ich kann die „Geschmacklosigkeit“ meiner Aussage bis heute nicht erkennen – ich erkenne sie vielmehr in der Leugnung der Tatsache, dass eine Sezession Südtirols unweigerlich Options-ähnliche wenn nicht identische Schreckensszenarien nach sich zöge.

Ich wiederhole also noch einmal, weil er so wichtig ist, diesen Satz aus dem Text des „Wahl-Schotten“ und Zeit-Autors: „Die Kampagne ist bitter, sie spaltet Familien, sie entzweit Freunde.“ und erinnere daran, dass man sich ja erst im Vorfeld DER ABSTIMMUNG befindet.

Übrigens: Der Satz „Cameron entgegnete der Herausforderung als Demokrat, er bringt ein Unabhängigkeitsreferendum auf den Weg“ im selben Text brachte meinen Gedankenfluss ins Stocken. Denn richtig, auf den ersten Blick scheint es, als sei der von Cameron gewählte Weg, über ein Referendum die Bevölkerung entscheiden zu lassen, ein guter, gerechter und jedenfalls ein demokratischer Weg. Erst auf den zweiten Blick, und erst, nachdem die Folgen dieser „demokratischen Entscheidung“ im Sinne von Die Kampagne ist bitter, sie spaltet Familien, sie entzweit Freunde eingepreist sind, wird klar, dass der Weg so demokratisch gar nicht ist (Cameron hätte vielleicht ein paar Südtiroler fragen müssen, was passiert, wenn eine Bevölkerung gezwungen wird, sich für eine oder eine andere Zugehörigkeit entscheiden zu müssen).

Denn eines der großen Probleme, in meinen Augen, von Volksentscheiden, Referenda und/oder ähnlicher demokratischer Instrumente ist, dass an ihrem Ende zwar eine Entscheidung steht – aber niemand, der die Verantwortung für sie trägt und also zur Verantwortung gezogen werden kann. Ich fürchte zudem, dass unsere heutige Welt viel zu komplex geworden ist, und dass aufgrund dieser enormen Komplexität einzelne Bürger gar nicht mehr immer in der Lage sind – sein können – Zusammenhänge, Folgen und Konsequenzen zu erfassen und beurteilen.

Aber das ist eine andere Geschichte.

2 Kommentare

  1. Vielleicht wäre es hilfreich sich zu erinnern, dass „Separatisten“ oft Völker oder Voksteile sind, die vormals gnadenlos unterdrückt oder zwangshaft in eine stärkere Nation eingegliedert wurden. Pluralismus und Souveränität sind keine Einbahnstraße.

    „Denn wer nur die Hälfte weiß, weiß gar nichts…“ Eben!

  2. alphachamber, ich weiß leider nicht, von woher du schreibst, aber sei versichert: eine Südtirolerin weiß um (vormals) „gnadenlose Unterdrückung und zwanghafte Eingliederung in eine Nation“ – so weit sie halt davon wissen kann, aus Geschichte/Erzählungen/Überlieferung – denn „selbst erlebt“ ist wieder eine andere Geschichte.

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