Wir waren gestern auf der gegenüberliegenden Talseite, zu einem Spaziergang, und sind, wie es sich gehört um diese Jahreszeit, bei einem bekannten Törggele-Hof eingekehrt. Ein Glas vom neuen Wein, ein paar Kastanien, und über allem die milde Herbstsonne. Schön war das.

Dann kam der Wirt an unseren Tisch, und berichtete, die Kastanien kämen aus Cuneo, der abrupte Temperatursturz habe den heimischen Früchten den Garaus gemacht. Im Moment fand ich nichts Verwerfliches daran, dieser Austausch, diese Nachbarschaftshilfe, wenn man so will, schienen mir durchaus sinnvoll. Warum auch nicht, habe ich mir gedacht, die Cuneesi freuen sich, und haben ja übrigens selbst eine sehr schöne, sehr stolze und sehr alte Kastanien-Tradition, die der unsrigen in nichts nachsteht. Das verbindet doch, und was verbindet, ist heutzutage wertvoller denn je. Und, natürlich, ist das Hauptargument für die Kastanien aus dem Piemont: Törggelen hat ohne diese herbstliche Paradefrucht ja überhaupt keinen Sinn.

Erst später, aus einer gewissen Fernsicht, kam mir dann doch ein Zweifel, und der sprach: Zeigt sich denn nicht gerade an diesem Beispiel der Törggele-Kastanien aus Cuneo sehr schön, woran unsere Wirtschaft in erster Linie krankt, und unsere Welt in zweiter Linie zugrunde geht?

Denn es wäre doch, im Grunde und bei Tageslicht betrachtet, völlig egal, wenn es in einem Jahr einmal keine Törggele-Kastanien gäbe, weil eben das Wetter die Ernte zerstört hat. Es gibt ja den Wein, das Kraut, die Würste und die Schlutzer, und wandern und gute Laune haben kann man sowieso. Warum dann, fragt sich’s doch, warum müssen wir dann unbedingt Kastanien haben wollen, und das ganze Theater, egal, wie und auf welchen Wegen es zustande kommt? Hauptsache, die Kulisse stimmt? Oder was?

So einfach wird’s nicht sein, fürchte ich. Eher kommt mir wahrscheinlich vor, dass wir, wir Konsumenten also, uns von den so genannten Marketing-Strategen kirre machen und am Gängelband durch die Manege ihrer Brotgeber-„Wirtschaft“ schleifen lassen. Denn „die Wirtschaft“, genau, um die geht’s, und nicht um die Tradition des Törggelen, auch nicht um mich Konsumentin, oder dich Gast – es geht ganz allein um einen unfassbar aufgeblähten Tross „Wirtschaft“, der, jawoll!, auch an so etwas Unscheinbarem wie Kastanien hängt. Wir, Gäste und Konsumentinnen, sind nichts als Statisten in diesem Possenspiel einer unersättlichen Wirtschaft, die – logisch! – nur funktionieren kann, wenn auch wir, am anderen Ende der Kette, möglichst unersättlich sind. Und, eben, nach Kastanien verlangen, auch dann, wenn die Natur mal keine vorgesehen hat.

Natürlich können wir alle in diesen Chor der Wirtschaft und, auf längere Sicht, in unser aller Grabrede einstimmen, so ist es, so wollen wir es, und so muss es bleiben. Wir könnten aber auch ganz anders, und, zum Beispiel, mehr Wein trinken, wenn es mal keine Kastanien gibt – oder auch: Uns wieder ein bisschen mehr nach der Decke strecken, statt alleweil mehr die Decke nach uns. Denn das hält auf Dauer keine Decke aus.

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