Ich weiß gar nicht wirklich, wie ich es einordnen soll, dass die Südtiroler Freiheitlichen auch heuer wieder den Festtag zu Ehren des Heiligen Martin zum Anlass nehmen, um zu zündeln und Stimmung zu machen gegen alle, die nicht das Glück hatten, auf dem „heiligen“ Südtiroler Boden der Südtiroler Freiheitlichen geboren zu werden.

In, unter anderem, einer Pressemitteilung hat sich also dieses Mal der Herr Stocker von besagter Partei darüber echauffiert, dass in manchen Südtiroler Orten der „traditionelle“ St.-Martins-Umzug nicht stattfinden dürfe, aus, angeblich, „Rücksicht auf die (andersgläubigen) Kinder von Migranten.“ Wobei erstens einmal festgehalten werden muss: So „traditionell“ ist der St. Martins-Umzug gar nicht, hierzulande zumal. Zu meinen Zeiten gab’s ihn jedenfalls noch nicht, weshalb ich diese „Tradition“ erst relativ spät kennen lernte, als nämlich meine Tochter im Kindergarten war. Aber gut, jede Tradition hat einmal angefangen, und ist von irgendwoher gekommen (!) – bloß tue man also in dieser Sache nicht so, als ginge unsere ganze Kultur den Bach runter, bloß, weil hier oder dort ein St. Martins-Umzug nicht stattfinden oder „Laternenumzug“ oder „Lichterfest“ heißen will. Trotzdem und jedenfalls wünscht man sich bei den Freiheitlich*innen in dieser Sache mehr Zucht und Ordnung, und mindestens einen Umzug pro Gemeinde („Es kann nicht sein, dass jeder Kindergarten tun kann was er will.“). Richtig. Wär ja noch schöner, wenn jeder Kindergarten tun und veranstalten könnte, wie und was er will.

Aber zurück zu meinen Ursprüngen, hier und heute, und nämlich: Bei uns zuhause hingen im Flur zwei Keramiktafeln, mit den Abbildungen zweier Heiliger, nach denen zwei meiner Brüder getauft worden waren, einer davon Martin. Ich weiß also, auch ohne Umzüge, oder „aufklärerische“ Freiheitliche, was es mit dem Heiligen Martin auf sich hat, mit Sicherheit aber weiß ich so viel: Er, Nobler, hat seinen edlen Mantel in zwei Teile geteilt, um deren eine Hälfte einem frierenden und obdachlosen Bettler zu schenken, an dem er zufällig an jenem Tag auf seinem Weg vorüber kam.

Mehr muss man, meine ich, zu diesem Thema auch gar nicht wissen, um zu erkennen, wie unfassbar scheinheilig die alle Jahre wiederkehrenden Forderungen und Nörgeleien  der Freiheitlichen zum Thema „St.-Martins-Umzüge“ sind: Oder waren es, etwa, nicht gerade diese Freiheitlichen gewesen, die noch vor wenigen Jahren, bevor die Migranten kamen, die Abschaffung der Bettler und Obdachlosen gefordert hatten? Was sie, übrigens, immer noch tun – wenn sie auch neuerdings ihren Verhetzungs-Schwerpunkt auf die „fremden“ Obdachlosen und Bettler, die Flüchtlinge also, verlegt haben. 

Um diesen zu schaden, wird also alle Jahre wieder der Ehrentag dieses großmütigen Heiligen skrupellos missbraucht, um sich über (angeblich) nicht stattfindende, abgeschaffte, umgetaufte oder „umerzogene“ St.-Martins-Umzüge zu ereifern, und kurzerhand behauptet, die Flüchtlinge bzw. Neu-Zugewanderten seien an diesem Kulturverfall schuld. Dabei hat man, vor lauter hetzerischem Eifer wohl, offenbar nicht die Zeit gehabt, sich über die Person und Geschichte des Heiligen schlau zu machen: Er ist ja nämlich – ausgerechnet! –  der „[…] Schutzheilige […] der Armen und Bettler […], im weiteren Sinne auch der Flüchtlinge […].“ (wikipedia)

Tja. So kann’s gehen. Jedenfalls zeigt sich an diesem Beispiel einmal mehr sehr schön, wie oberflächlich, scheinheilig und verlogen die sogenannte „Politik“ der (Südtiroler) Freiheitlichen ist – und für wie dumm man dort die eigenen Wähler*innen offenbar hält.

Ich für mein Teil weiß nicht, soll ich lachen, soll ich weinen, soll ich mich fürchten.

NB. Das Beitragsbild hat auf Anfrage Google geliefert. Es zeigt den Heiligen Martin, wie ihn Giotto für die Basilica di Assisi erschaffen hatte. Ich habe es übrigens aus der Vielzahl der zur Verfügung stehenden Abbildungen des Heiligen ausgewählt, weil ich sehr schön finde, in erster Linie aber weil es den Heiligen nicht, wie üblich, „hoch zu Ross“ zeigt…

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