Die Puritaner unseres Landes und ein paar andere, deren Augen und Herzen lieber nach hinten unten schauen, als nach vorne und in alle Richtungen, bekamen jüngst wieder einmal Grund, sich zu echauffieren – dieses Mal aus Meran: Das Erregungsmaterial kam in Form einer Werbekampagne, gehalten in sprachlichem „Kauderwelsch“. Ich finde, ehrlich gesagt, die Kampagne bzw. das wenige, das ich via NSTZ (Autentico ist besser“ – Die Neue Südtiroler Tageszeitung) von ihr zu sehen und zu lesen bekam, nicht besonders aufregend, am allerwenigsten „das Kauderwelsch“ – da hätte unser Sprachbestand bestimmt Besseres zu liefern gehabt. 

Darüber hat sich aber niemand aufgeregt – im Gegensatz zu der an und für sich doch recht erfrischenden Lösung, die beiden hauptsächlichen Landessprachen nebeneinander zu stellen und gleichberechtigt zu Sätzen zu verarbeiten, statt – wie üblich (recht schwerfällig, meist, und aufwändig dazu) vor- und hinter- oder unter- und übereinander. „Vermischt“ sind die beiden Sprachen ja übrigens gar nicht geworden – falls so etwas überhaupt möglich sein sollte: Denn beim Vermischen entsteht doch, eigentlich, aus mehreren Einzelteilen etwas ganz anderes, die einzelnen Komponenten sind aber nach dem Mischvorgang als solche nicht mehr auszumachen und auseinanderzuhalten. Ich kann also in dieser Sprach-Hochzeit kein großes Problem erkennen, eher dessen Gegenteil.

Das wird aber hierzulande leidlich anders gesehen, in manchen so genannten Kreisen, und sie wissen, diese Kreise, sich aufzuplustern, bzw. Gehör zu verschaffen (fallen auch, leider, auf immer noch viel zu fruchtbaren Boden). Das kann man lustig finden, oder ärgerlich, oder rührend, wie sich diese (meist selbst ernannten) Heimatpfleger*innen und  Sprachenschützer*innen über diese und ähnliche – ihnen zufolge – unheiligen Allianzen der beiden hauptsächlichen Landessprachen ereifern; ich finde es einfach nur schade.

Denn in Wahrheit wissen wir doch alle nicht, sie nicht und wir auch nicht, welche Türen wir uns durch dieses ultra-orthodoxe, rational (ha!) nicht erklärbare Sprachgehabe verschließen, und genauso wenig kennen wir die (Sprach-)Landschaften, die sich hinter diesen Türen verbergen könn(t)en.

An dieser Stelle kann ich nicht umhin, fast wehen Herzens an ein wunderbares „bichl“ zu denken, das mir der Zufall (eigentlich war’s meine Tochter) vor kurzem in die Hände gespült hatte: Es nennt sich „Wolkenbruchs wundersame Reise in die Arme einer Schickse„, und stammt aus der Feder des Thomas Meyer. Meyer hat seine Geschichte des Motti Wolkenbruch in seinen beiden (davon gehe ich mal aus) Sprachen geschrieben, und also a bissl jiddisch, a bissl dajtsch. Das Ergebnis ist erfrischend, ein einzigartiges Lese- und überhaupt Vergnügen, dem nicht einmal das – zugegeben! – hin und wieder mühsame Nachschlagen im Glossar einen wie auch immer gearteten Abbruch tut. Die reinste Freude, diese mehrsprachige Lektüre, eine überdies mit besonderem Mehrwert für Südtiroler*innen.

Denn: Wage ich, daran zu denken, was hierzulande los wäre, würde eine Person mit Südtiroler Wurzeln und/oder Hintergrund es wagen, von etwas Ähnlichem auch nur zu träumen? Und mithin davon, ein Buch zu schreiben, und dabei Deutsch und Italienisch bzw. Italienisch und Deutsch aufs Geratewohl mit- und durcheinander zu weben, wie’s grad daher kommt, unbefangen und leichtfüßig und ganz so, als seien die beiden einfach nur Sprachen, mithin Mittel der Kommunikation und des Austauschs – und nicht schwer be- und überlastete Politika, wie es aber hierzulande mit so viel Hingabe gepflegt wird? Nein, das wage ich nicht, ganz und gar nicht, unter gar keinen Umständen, nicht in meinen wüstesten Träumen.

Wenn ich aber jetzt verwegen sein wollte, und das will ich sein, dann würde ich vorschlagen, dass jenes bichl des Herrn Meyer, die gemischtsprachige Geschichte also des Motti Wolkenbruch (auf seiner Reise in die Arme einer Schickse), allen SüdtirolerInnen wärmstens ans Herz gelegt werde, wann und wo immer es nur geht. Und wenn ich mich dann noch ein bisschen weiter aus dem Fenster lehnen wollte, dann würde ich sogar wagen, es als Schullektüre vorzuschlagen, dieses zweisprachige, einzigartige Bichl, für unser zwei-, drei- oder eigentlich doch schon alleweil vielsprachiges kleines Land (der vielen Stimmen).

Sollten wir wirklich diese Vielheit an Welt-Sichten uns vorenthalten wollen (müssen), der paar Kleingeister wegen (denen ich übrigens, weil ich schon mal dabei bin, gern auch diesen schönen Text empfehlen würde, der davon handelt, „Wie Sprache unsere Sicht der Welt beeinflusst„)?

Denn ich glaube nicht, dass der Autor dieses – aus Südtiroler Sicht – Sprach-Sakrilegs, der Herr Thomas Meyer also, durch das Verfassen seiner mehrsprachigen Geschichte der einen oder der anderen oder gar beider seiner Sprachen verlustig gegangen wäre. Oder nicht mehr imstande gewesen, die eine von der anderen zu trennen, und wirr im Kopf geworden wäre, oder ähnliche Schäden davon getragen hätte.

Gehört hat man jedenfalls nichts dergleichen. Und sein Buch wurde ein großer Erfolg, auch – oder besonders – unter Einsprachigen. Die Ärmsten.

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