Es war neulich wieder „Equal Pay Day“, oder auch „Internationaler Aktionstag für Entgeltgleichheit für Männer und Frauen“, oder auch: Ein Tag im Jahr und im Leben vieler Menschen, an dem auf geschlechterbedingte Lücke/n zwischen Gehältern aufmerksam gemacht werden soll. Überflüssig zu sagen, auf welcher Seite die Lücken klaffen. Es war übrigens auch der Internationale Tag des Glücks.

Der Tag des Glücks hat allerdings nicht annähernd so viel Aufmerksamkeit erfahren wie der Tag der geschlechterbedingten Lohnunterschiede, und ich weiß nicht wirklich, ob ich mich darüber freuen soll, oder ob das doch eher traurig ist. Nötig ist’s allemal, denn es gibt immer noch eine nicht unerhebliche Zahl von Menschen, männlichen und (ich versteh’s nicht) sogar weiblichen, die monieren, es gäbe sie doch gar nicht, diese Lücke, und falls es sie denn doch geben sollte – denn so viel Inkohärenz muss sein dürfen, in Gleichstellungsfragen – sei sie jedenfalls selbst verschuldet. Frau kennt das ja, aus anderen Themenbereichen, in denen es um a) nachhaltige, gesellschaftliche Veränderung  und b) Ausgleich der Machtverhältnisse geht, kurz gefasst: Um (mehr) Gerechtigkeit. Oder auch darum, dass Gerechtigkeit viele Facetten hat, und dass sie es jedenfalls schwer hat, wo eine Gesellschaftsgruppe dominiert, und die meisten Fäden – die, die zählen zumal – in ihren Händen hält, um die allgemeinen Geschicke zu normieren und zu definieren.

Aber zurück zum EPD und ein bisschen auch zu denen, die ihren Taschenrechner zücken, sobald EPD auch nur als fernes Echo durch die Luft hallt: Ja, es ist inzwischen so genannter Konsens, dass die unbereinigte Distanz zwischen einem Männer- und einem Frauengehalt irgendwo zwischen 20 und 30 Prozent liegt; bereinigt um die allseits bekannten Faktoren bleibt immer noch ein hässlicher Rest von etwa 8 bis 10 Prozent, und auch dieser „bereinigte Rest“ lässt sich, unter Aufbringung sehr viel „guten“ Willens und ein paar mathematischer und interpretatorischer Künste, gepaart des weiteren mit der einen und/oder anderen opportunistischen  Drehung und Wendung, noch weiter „bereinigen“, so lange, bis „nur“ noch kümmerliche und kaum der Rede werte drei bis fünf Prozent Ungerechtigkeit übrig bleiben.

Weshalb ich auch heute einmal nicht über Prozentsätze sprechen möchte, sondern über deren Ursprung, beziehungsweise deren Ursächlichkeit, oder auch: Die „bereinigenden“ Faktoren, dank derer letztlich eine so geringfügige Zahl übrig bleiben und leicht als Erbsenzählerin abgetan werden kann, wer (solche und andere) Unterschiede gern behoben hätte. Im Grunde, so schaut’s aus, ist das Problem der Lohnunterschiede zwischen Männer- und Frauengehältern nämlich kein anderes, als die Tatsache/n, dass Frauen – unter anderem – die „falschen“ Berufe ergreifen und „(zu) schlecht weil zu bescheiden verhandeln, in eigener Sache“ und noch ein paar Kleinigkeit dieser Art mehr. Was mithin nach dieser Art der „Bereinigung“ neben dem kümmerlichen drei-bis-fünf-Prozent-Lohnunterschied bleibt, ist: Selbst schuld! (Ha! Woran ist frau eigentlich nicht – selbst – schuld?!)

Es stimmt: Die gut bezahlten und hoch gehandelten so genannten „MINT“-Berufe sind zu etwa 80 Prozent männlich dominiert, die – typisch weiblichen und folglich gering angesehenen und schlecht bezahlten – Pflegeberufe zu fast 80 Prozent weiblich. Eine besondere Position nimmt übrigens noch die familiäre Pflege(-arbeit) ein, denn sie ist sowieso „wertlos“. Sie – die fämiliäre Pflegearbeit also – wird ein bisschen und mal mehr mal weniger scheinheilig schön geredet, und man – frau auch – sind’s mehrheitlich zufrieden, berufen sich bestenfalls auf  das Märchen vom Fischer und seiner Frau (böse! Frau, die zuviel fordert, und sich selbst und den braven Mann ins Unglück stürzt!), damit ja alles bleiben könne, wie es ist.

So weit also scheint sich ein gewisser Einklang, ein gewisses Maß an Einigkeit eingestellt zu haben, zwischen den Geschlechtern, dass nämlich Frau sich doch nur ein größeres Stück männlicher Eigen- und Wesensart zueigen machen müsse, dann wären Gleichstellung, Gleichbehandlung, Gleichberechtigung, Pay und andere Gerechtigkeits-Gaps schon längst kein Thema mehr. Selbst schuld, wie gesagt.

Und doch sei die Frage erlaubt: Wer sagt eigentlich, dass MINT-Berufe wertvoller sind als, zum Beispiel, die klassisch weiblichen „Pflege“-Berufe? Wo steht geschrieben, dass der Ingenieur kostbarere Arbeit leistet als die Krankenpflegerin, oder die Kindergärtnerin? Und in welcher Bibel steht – von wem!? – geschrieben, dass es „der richtige und jedenfalls der bessere Weg ist, auf die eigene Leistung aufmerksam zu machen,

aber „falsch“, davon auszugehen, dass ein gutes Vorgesetzten-Auge schon erkennen – und anerkennen – werde, wo gute, mehr oder bessere als die durchschnittliche Leistung erbracht wird? (Interessant dazu: Dieser Text)

À propos gut: Mir fällt dazu ein Text aus „Süddeutsche Zeitung Magazin“ ein, er ist schon ein bisschen älter, und es ging darin eigentlich auch um etwas anderes, also nicht Lohngerechtigkeit, und vielleicht ist ja auch dieser der Grund dafür, dass offenbar niemandem aufgefallen war – jedenfalls habe ich keinen Aufschrei gehört, nie, nirgends -, welch ungeheuerliche Wahrheit sich in diesem Text versteckt, oder, um genau zu sein, in diesem Absatz:

In Deutschland arbeiteten im Jahr 2013 insgesamt 19 055 männliche Fachkräfte, Praktikanten, Freiwillige und ABM-Kräfte in Kindertageseinrichtungen (reine Schulhorte ausgenommen). Das ist zwar weit mehr als noch vor ein paar Jahren – entspricht aber einem relativen Männeranteil von gerade mal vier Prozent. Es ist nicht leicht, Jungs für den Job zu gewinnen. Er ist dramatisch unterbezahlt, Kinderpfleger verdienen zwischen 1500 und 2100 Euro brutto im Monat. Der Job bietet, abgesehen von der Aussicht auf eine Kita-Leitung, kaum Aufstiegschancen. Dass der Beruf des Erziehers attraktiver werden muss, geben sie sogar beim Familienministerium zu. Zitat aus einer Broschüre des Ministeriums: »Die drei- bis fünfjährige unbezahlte Ausbildung für den Beruf ist alles andere als attraktiv. Auch das ist ein Grund, warum besonders Männer sich gegen diesen Beruf entscheiden. Gerade angesichts des enormen Stellenwerts dieser Ausbildung für die Gesellschaft muss hier nachgebessert werden.«

Und das alles ist bisher niemandem aufgefallen? In den Pflege-Einrichtungen nicht, in den Verwaltungen nicht, in den Ministerien nicht, in den Regierungen nicht? Wie kann das sein, wie ist das möglich? Denn so jung wäre das Berufsbild der „Kinderpflegerin“ – hier stellvertretend für alle anderen „weiblichen“ Pflegeberufe – ja eigentlich nicht, und überhaupt: Welche gesellschaftlichen, menschlichen Voraussetzungen sind eigentlich nötig, dass bisher niemand „ihren enormen Stellenwert für die Gesellschaft“ (O-Ton deutsches Familienministerium) erkannt hat? Dass dieses Berufsbild [und andere „typisch weibliche“ Berufsbilder mit ihm] so gering geschätzt wird? Und dass dieser Job [und andere „typisch weibliche“ Jobs mit ihm] „dramatisch unterbezahlt“ ist? Und „kaum Aufstiegschancen bietet“?

Und dass all diese Fragen erst aufkommen – diese Erkenntnis erst dämmert! -, sobald Männer sich für die Ausbildung und das Berufsbild interessieren?

Ja, in diesem Lichte betrachtet, ist der „Gender Pay Gap“ tatsächlich „peanuts“, ist es ziemlich nebensächlich, ob Lohn-Unterschiede drei oder sieben oder 20 Prozent betragen – so lange Frauen (und eine Minderheit Männer) sich damit abfinden, mit dieser und überhaupt der „realen Ordnung der Dinge“, so lange sind Diskussionen über Prozentpunkte plus oder Prozentpunkte minus schlicht und einfach obsolet.

Wir sollten die Nebenschauplätze verlassen, und uns auf das Wesentliche besinnen – dass nämlich Gerechtigkeit viele Facetten hat, dass sie aber nicht verhandelbar ist.

PS: Wie zum Hohn – oder auch: zur Bestätigung – las ich gestern in einem Text über Gleichstellung (Zeit Online, 20.2. 2015, „Frau ist Männersache“) diesen denkwürdigen Satz – und wieder gab es keinen Aufschrei, nichts, nicht einmal einen winzigen Schluckauf. Damit ist doch eigentlich alles gesagt.

Außerdem sei das öffentliche Interesse an Gleichstellungsthemen inzwischen groß. Frauenpolitik wird Männersache, weil sie wichtiger wird.

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