Kuppelshow im Radiow

Ich sehe ja kaum fern. Viele Jahre lang war ich überhaupt ohne TV und sehr glücklich damit. Dann kam meine Tochter in die Schule und ich kramte ein ausrangiertes Gerät vom Dachboden. Ja, so ist das, man hat zwar seine Ideale in Erziehungsbelangen, aber man erzieht seine Kinder ja nicht allein: die so genannte Gesellschaft ist immer mit von der Partie. Ich wollte meine Tochter übrigens auch ohne Barbies durch ihre Kindheit lotsen,  was mir auch nicht gelungen ist. Aber ich habe ihr so viele Bücher gekauft, dass Barbie immer Nebensache war. Nun gut. Jedenfalls durfte meine Tochter KIKA sehen (ich auch, hat meist viel Spaß gemacht…), und beide sahen wir hin und wieder ARTE und/oder 3sat. KIKA sehen wir nicht mehr, alles anderes ist geblieben.

Einmal aber, ich weiß nicht wie, es war an einem Montag Abend, das weiß ich genau, blieben wir beim ORF hängen, bei dieser aberwitzigen Kuppelshow, die sich „Liebesg’schichten und Heiratssachen“ nennt, und deren Signation allein mich immer wieder und ganz unweigerlich zum Lachen bringt. Ich mein‘ ja nur, eine Textzeile wie diese hier „irgendwo irgendwo … muess’s doch… ahn fia mieh gebm…“ :-D, die ist ja doch schon ziemlich fröhlich, finde ich, und bringt – meine Meinung – auch wunderbar den Geist zum Ausdruck, in dem diese Sendung über die fernsehende Menschheit kommt: Stets liebevoll und mit einem Mordsmaß Respekt für die KandidatInnen und ihre Lebensgeschichten, aber auch nie ohne ein schelmisches Zwinkern über die skurrilen Eigenheiten, die Menschen vermutlich manchmal entwickeln, wenn sie zu lange allein oder zu lange unglücklich sind.

Nichtsdestotrotz kommt das mehr oder minder geneigte Publikum keineswegs umhin, sich zu fragen: Wie soll das gehen, eine derartige Show – so langsam, so gemächlich – in Zeiten von Parship, Tinder und was es sonst noch alles geben mag, an Dating- und Single-Portalen, in denen der die Suchende in aller Ruhe vor sich hinsuchen kann, in der privaten Kammer, und keineR sieht’s, niemand weiß, wie die einsame Seele sich hoffnungsfroh durch die zahllosen „Matches“ und/oder gephotoshopte Porträts inklusive geschönten Lebensgeschichten klickt, und wahrscheinlich tatsächlich hofft, das Prinzip „Katalog“ und „bequemes Homeshopping“ funktioniere auch in Sachen Liebe, nach dem Motto anschauen, hinschauen, weiterblättern. Ja doch, hin und wieder scheint es zu funktionieren (Ausnahmen bestätigen die Regel), die Medien berichten euphorisch, aber im Großen und Ganzen hat sich wohl längst Ernüchterung breit gemacht und ist der Hype am Abflauen (jedenfalls steht das zu vermuten, bei der vielen PR- und Öffentlichkeitsarbeit, die offensichtlich betrieben wird. Frau kommt sich ja fast schon out of date vor, weil sie nicht dabei ist, so weit ist’s gekommen). Aber irgendwie, finde ich, passt das doch alles sehr gut zu unserer oberflächlichen, Aussehen-fixierten, Photoshop- und Selfies-Ära und -gesellschaft

Nur eins bieten diese Portale nicht: Die Chance, erst mal ein wenig hinter der Fassade zu stöbern, bevor das Match wegen unpassender oder gefällt-freier Optik aussortiert und weg geklickt wird. Und natürlich reist Eine immer mit, bei diesen Suchen: Die fürchterliche Ungewissheit, man oder frau könnte womöglich etwas übersehen, ein Detail oder gar „das Beste“ verpasst zu haben. Wie das im allgemeinen ein grundlegendes Merkmal eines jeden Über-Angebotes ist. Und so kann es sehr wohl passieren, dass vielleicht gar „eigentliche“ Super-Matches durch das Raster in das „die Schlechten“-Töpfchen weg gedrückt werden, weil die Optik nicht passt.

Nun ist natürlich die Optik von einiger Wichtigkeit, eh klar, aber es ist auch uralte Tatsache und Wahrheit, dass die gern und oft in den Hintergrund rückt und zweitrangig wird, wenn man erst mal hinter die Fassade blicken konnte. Eben.

Und wie ich also neulich einmal so vor mich hin grübelte, über das alles, die treuherzigen und ultra-ehrlichen Liebesg’schichtn der Elisabeth T. Spira einerseits, und die schönbaren und zack-zack-weil-Zeit-ist-Geld-Online-Partnerbörsen andererseits, da fiel mir ein, dass doch eine „Kuppelshow“ im Radio noch fehlt, in der Partnervermittler-Sammlung, und auf dem – offensichtlich recht lukrativen und jedenfalls reichhaltigen – Markt der PartnerInnensucherInnen. Und als ich so darüber nachdachte, überlegte ich mir auch, dass das doch eine irrsinnig spannende Sache wäre, nicht nur die Show selbst, sondern vor allem das – ich nenn’s jetzt mal so – soziale Experiment: Was passiert, welche Folgen hat es, welche Ergebnisse zeitigt es, wenn ein Mensch sich nur über ihre Stimme und Lebensgeschichte „profilieren“ kann? Und die Optik – vordergründig – überhaupt keine Rolle spielt, und – anders als „normal“ – erst später ins Spiel kommt?

Das wäre doch mal spannend, denke ich mir, und finde es jammerschade, ja wirklich, dass ich kein Radiosender bin.

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