Laufen wie ein Mädchen

„What does it mean to run like a girl?“ Dämliche Frage! Schnell laufen Mädchen, natürlich! Ich muss gestehen, die ersten paar „Performances“ im Video, die auf die eingangs gestellte Frage „antworten“ sollen und jedenfalls reagieren, scheinen mir fast ein wenig gestellt, so unglaubwürdig wirken sie.

Gibt es tatsächlich Menschen, die denken, dass Mädchen so laufen? Laufen Mädchen so? Heute noch? Zugegeben – früher, als die Frauen noch enge Röcke trugen, die weit ausholende, natürliche Laufschritte unmöglich machten, sah es manchmal tatsächlich ein bisschen so aus wie in dem kleinen Film unten porträtiert, wenn Frauen liefen und zu diesem Zwecke ihre Beine seitlich wegwarfen statt nach vorne und hinten auszuholen. Aber diese Zeiten sind doch längst vorbei, lange schon tragen Frauen Hosen und flache Schuhe und können richtig gut laufen – (wie) ist es möglich, dass sich derlei „Stereotypen“ und (Vor-)Bilder so machtvoll behaupten können, entgegen jeglicher Realität und weit über Jahrzehnte hinweg?

Ja, ich kann mich erinnern, wie ich mir als junges Mädchen – das ist schon sehr! viele Jahre her – immer dachte (und mir vornahm!), dass ich „wie eine Frau läuft“ bestimmt nie laufen würde. Ich war aber auch eine gute und eine schnelle Läuferin, vielleicht zeigte sich ja darin schon früh meine feministische Veranlagung.

À propos beengte Bewegungsverhältnisse für Frauenkörper: Es ist noch nicht lange her, da zeigte „la Repubblica“ (online) eine Fotoserie von den Lotos-Füßen alter chinesischer Frauen, die ja (auch) so fürchterlich eingeengt (entstellt) wurden, damit ihre Besitzerin nur kleine, „zierliche“ Schrittchen machen konnte. Vielleicht aber auch, um sie am Fortlaufen zu hindern – es wurden ihr ja praktisch ihre Füße genommen.

Dieses Schema der Einengung und Einschränkung bis hin zur Verformung des weiblichen Körpers zieht sich ja überhaupt recht auffallend durch die weibliche Geschichte, will mir scheinen: Korsagen, Korsette und Stilettos – wirklich *nur* um der „Schönheit“ willen? Oder auch, um die Frau „gefügig“ und jedenfalls „verfügbar“ zu halten – was soll sie sich schließlich wehren, wenn sie kaum atmen und noch weniger laufen kann?

Aber, richtig, in dem Film, den ich hier einstelle, geht’s ja um die Werbung, um Produktwerbung  – hier allerdings einmal nicht im Sinne der männlichen Mitbewerber und mit diesen im Hinterkopf. Das ist doch gut, finde ich – denn geworben wird sowieso. Besser, wenn klug geworben wird.

4 Kommentare

  1. Ich weiß nicht so recht.
    Mir scheint das Video sehr realistisch und gerade daher so stark. Ich habe mich auch oft gefragt, wie ich auf die Aufforderung reagiert hätte, allerdings bin ich zu keinem unvoreingenommenen Ergebnis gekommen.
    Vielleicht ließe sich aus dieser Beobachtung auch die Zementierung von Geschlechterstereotypen ablesen? Ich habe oft gehört, dass die Emanzipation derzeit rückwärts schreitet: Statt Pippi Langstrumpf gibts Prinzessin Lillifee und ähnliche besorgniserregende Entwicklungen (oft bezeichnet als Pinkifizierung). Vielleicht hängt das ein wenig damit zusammen, was in den letzten Jahren wieser verspielt wurde. Das sind aber alles nur Gedankenspiele und Überlegungen.
    Idealerweise müsste mensch die „Jugend“ von heute fragen und den Selbsttest wagen… 😉

    1. du hast schon recht, absolut realistisch, nur schien’s (scheint es) mir schwer nachvollziehbar bis unglaubwürdig, dass die heutige – junge! – Gesellschaft immer noch so tief in jenen Mustern, Stereotpyen, Klischees herumhängt und sie immer weiter transportiert. Ich finde das ja, ehrlich gesagt, Besorgnis erregend, denn tatsächlich scheint eine Art gesellschaftliches Zurück-Schwappen im Gange zu sein, in Frauenbelangen, aber nicht nur. Und wenn ich das alles zusammen betrachte, und in Verbindung zueinander stelle, also die Dirndl-und-Lederhosen-Wiedergänger (für sich allein ohne weiteres ein netter Retro-Trend), Gabalier und Frei.Wild stellvertretend für alle.s andere.n in dieser Richtung, die in vielen Ländern (wieder) aufflammenden „neuen“ Nationalismen, und dazu die ungeheure Wucht, die feministischen Belangen teilweise entgegenwirkt, dann wird mir, ehrlich gesagt, angst und bang. Das ist nicht mehr lustig, und – ich fürchte – gar nicht (mehr) harmlos. Sehe ich Gespenster?

      1. Also wenn es beruhigt: Ich seh diese Gespenster auch. Und ja, sie machen mir auch Angst – siehe offener Brief zur sprachlichen Gleichberechtigung, der Shitstorm gegen die österreichische Frauenministerin Heinisch-Hosek und noch ganz viele andere Beispiele.
        Aber vielleicht hängt das mit der Unsicherheit unserer Zeit zusammen? Rollenbilder sind ja klar definiert und wir können uns daran orientieren und „richtig“ handeln.

      2. Ja, so könnte das sein. Habe ich übrigens heute irgendwo gelesen, „(…) hat die Linke versäumt (…) ist Aufgabe der Linken, die Ängste der Bevölkerung anzuerkennen, ernst zu nehmen und ihnen entgegen zu wirken.“ Sinngemäß. Da könnte war dran sein. Einen schönen Nachmittag noch!

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