Schon interessant, wie schwierig es immer noch ist – nach doch bald drei Monaten – die vielen Eindrücke auf eine Reihe zu kriegen, Ordnung zu schaffen in all dem Neuen und dem Vielen, das wir gesehen und erlebt haben. Irgendwie scheint das Ganze noch immer lieber in den Tiefen meines Bewusstseins ruhen zu wollen, um vielleicht irgendwann und irgendwie gehoben zu werden. Aber dann kam gestern, zufällig oder nicht, ein Foto meines Weges, in diesem Beitrag von „Il Movimento lento“ (schöne Seite! für alle, die gern langsam unterwegs sind…) und stieß erst die Erinnerungskette und gleich danach die recht mühsame Suche nach den verbindenden Gliedern an, die aus den vielen Einzelheiten das größere Ganze machen. Da war doch noch was? Wie war das nochmal?

Mit Hilfe meiner Tochter, mehr oder weniger hektischem Blättern in unserem zerfledderten Reiseführer, Durchsuchen meiner Bilddatenbank und des enormen Wusts an Kassenbons, Visitenkarten, Prospekten und dgl. mehr bin ich dann manchmal imstande, innerhalb eines überschaubaren Zeitrahmens einen Tag aus der Erinnerungskiste zu befreien… was aber leider unweigerlich auch ein gerüttelt Maß an Melancholie (was für ein schönes Wort!) nach sich zieht und die Sehnsucht zurück holt, von ganz weit unten direkt ins Herz hinein, danach, wieder „auf dem Weg“ zu sein.

Aber derweil: Die klassische Etappe „Abbadia Isola – Siena“ (für uns Strove – Siena, denn in Strove hatten wir übernachtet) überschreibe ich lieber mit „Monteriggioni“; der Ort hinterließ den nachhaltigsten Eindruck dieses Tages (übrigens: nein, das bin ich natürlich nicht, die Dame auf dem Bild da oben, und meine Tochter ist es auch nicht – unsere Rucksäcke waren größer 😉 Das Bild gehört zum Beitrag auf „Il Movimento lento). Aber an dieser Perspektive kommt niemand vorbei, die/der auf diesem Weg wandert: Von Abbadia Isola kommend führt die Route über flachstes Land auf diese Festung zu, im Talboden (rechter Hand der Berg, linker Hand „begleiteteten“ uns recht glücklich aussehende Schweine aller Rassen und Sorten… wusste gar nicht, wie vielfältig die Familie ist…) an seinem Fuße entlang auf die andere Seite des Hügels wie oben. Man geht also erst mal recht lange um sein Ziel herum, und ich hatte Zeit genug, mich zu fragen, was wohl klüger ist: möglichst lange flach und bequem dahinzulaufen um dann relativ ausgeruht das Ziel in einem kurzen, aber aber sehr heftigen – heftigen (!) – Anstieg zu erobern oder es doch lieber in längeren, dafür mäßig steilen Schleifen. Aber all meine Überlegungen und Wägungen nutzten nichts, denn wer immer den Weg angelegt hatte, hatte sich für erste Variante entschieden, wahrscheinlich aus zwingenden Gründen, die heute nicht mehr aktuell sind:

Abbadia Isola (wir haben es links bzw. eigentlich rechts liegen lassen, meine Tochter wollte das so, ich für mein Teil fühlte mich heftig angezogen von den alten Mauern, alle alten Mauern ziehen mich heftig an): „Das Kloster die Santi Salvatore und Cirino in Abbadia Isola mit angrenzendem Hospital wurde bereits im Jahre 1001 gegründet und wenig später erweitert. Die Konventsmauer stammt aus dem 14. Jahrhundert. Bis ins 15. Jahrhundert lebten hier Benediktiner. Der Name Abbadia Isola erinnert an die Insellage, inmitten der sich hier ringsum befindlichen Sümpfe.

Wie gesagt, der Anstieg hinauf nach Monteriggioni war ziemlich steil, und mit einem ca. 14-kg-Rucksack auf den Schultern noch steiler, aber er hat sich definitiv gelohnt: Die Positiv-Überraschung war groß, als uns innerhalb der mächtigen Mauern nicht das erwartete und oft übliche „leere“ Rund mit ein paar Überresten alter Gemäuer, sondern vielmehr ein ganz und gar perfektes kleines Städtchen empfing, in grauem Stein gemauert, mit Lädchen und Hotels und Bars und allem, was dazu gehört, sehr hübsch, stelle ich mir vor, für eine kleine Zwischen-Auszeit. Doch, es ist manchmal ganz gut, wenn man sich nicht so sehr vorbereitet, und auf sich zukommen lässt, was da kommen mag.

Ja, Monteriggioni ist ein Ort, in dem ich wohl gerne über Nacht geblieben wäre. Dies war einer der Orte, an dem wir vermutlich unsere Planung über den Haufen geworfen und einen schönen Abend lang entspannt hätten, innerhalb dicker Mauern – allerdings nur in der ruhigen Jahreszeit, die wir glücklicherweise erwischt haben. Denn dass der Ort ein viel besuchtes touristisches Highlight sein muss, wurde uns erst klar, als wir die befestigte Stadt nach einer kurzen Rast auf dem schönen Platz (mit nur wenigen Chinesen, die ihren Tee tranken, aus mitgebrachten Thermoskannen) wieder verließen, auf der gegenüberliegenden Seite des Tores, durch das wir sie betreten hatten (IMMER führt die Via Francigena schnurstracks auf der einen Seite in eine Stadt hinein und auf der anderen wieder hinaus) und zu diesseitigen Füßen des Festungsberges auf einen schier unüberschaubaren, sehr, wirklich sehr gepflegten Parkplatz stießen.

Wir waren uns einig: Wenn dieser Parkplatz voll ist, wollten wir lieber nicht hier sein.

Alles in allem war der „Monteriggioni“-Tag ein sehr schöner Wandertag, ohne nennenswerte Schwierigkeiten. Wir verließen das bauliche und geschichtliche Kleinod am späten Vormittag – zu früh fürs Mittagessen, was wir noch bereuen sollten – und wanderten auf Siena zu, durch eine Landschaft, wie ich sie mag: Nie eintönig und – wie soll ich sagen? – gut strukturiert, auf teils sehr alten Wegstücken, die unweigerlich meine Seele berühren und bewegen, wenn ich daran denke, wie viele Menschen mit ihren Geschichten schon über diese Steine gelaufen sind, vorbei an denselben – heute teils verlassenen – Gehöften und – immer noch gut erhaltenen – Schlössern, also durch eine insgesamt sehr schöne Landschaft. Im Nachhinein wundert mich allerdings, dass diese Gegend zwischen zwei „Tourismusmagneten“ wie Monteriggioni hier und Siena dort nicht intensiver „entwickelt“ ist, im touristischen Sinne. Aber vielleicht haben’s die Leute hier ja auch wie jene von Capranica („non lo vogliamo, il turismo, abbiamo le nocciole“) oder der Fährmann Danilo, der uns „überholte“, über den Po („non siamo capaci“).

Ah ja, die Sache mit dem Mittagessen: Tatsächlich war dieser einer der wenigen Tage auf unserer Reise, an denen wir kein Lokal fanden, in dem wir hätten „ordentlich“ zu Mittag essen, und nicht einmal ein Geschäft, in dem wir uns hätten ein belegtes Brot kaufen können. Ich lege normalerweise keinen Wert auf geregelte Mahlzeiten, und hatte noch nie ein Problem damit, das Mittagessen ausfallen zu lassen. Auf dieser Reise wurde ich eines Besseren belehrt. Ich glaube sogar, dieser war der Tag, an dem wir unserer letzten Not-Ration an Studentenfutter und Nüssen den Garaus machen mussten – insgesamt mussten wir das im Laufe des Monates, den wir unterwegs waren, vier oder fünf Mal tun. Wie gut, dass ich sie eingepackt hatte.

Am Ende des Tages – alles in allem etwa 30 gemächliche Kilometer – hatten wir noch einen steilen Anstieg zu bewältigen – erstaunlich, wie „bewegt“ dieses Italien doch ist – aber dann waren wir da, in Siena.

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Schöner Platz für eine kleinen Rast (Füße verarzten…) am „Hinterausgang“ von Monteriggioni

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