Die Füße sind bei größeren Wanderungen das wichtigste Reiseutensil, und verdienen dementsprechend ein Höchstmaß an Aufmerksamkeit. Zu einem Punkt aber kann ich beruhigen: Blasen sind keineswegs zwingend. Ich zum Beispiel hatte keine einzige, Katerina umso mehr. Will sagen: Es gibt nichts, was für alle gleichermaßen Gültigkeit hätte.

Katerina und ich hatten uns eine Woche vor dem Start jede einen neuen, leichten Trekking-Schuh gekauft. Ich war besorgt, denn als alte Berglerin weiß ich natürlich, dass es dumm bis verantwortungslos ist, mit einem neuen Schuh eine größere Tour anzugehen. Weshalb ich den Schuh – im Gedanken, zu retten was zu retten war und die vorhersehbaren Schäden bestmöglich zu minimieren – vom Moment des Kaufs an und ohne Rücksicht auf Verluste und andere Eitelkeiten trug, fortwährend, pausenlos, den ganzen Tag, jeden Tag. Katerina wollte es besser wissen, und entschied sich für die „klassische“ Schuhgewöhnungs-Variante: Hier eine Stunde, da zwei, dort einen Nachmittag. Sie sollte es bitter büßen, vielleicht aber auch nicht. Wir werden es nie wissen.

Für den schlimmstmöglichen Fall hatte ich für uns beide noch je ein paar halbfeste Trekking-Sandalen gekauft. Katerina bestand erst darauf, dass sie keine solchen Sandalen wolle, und ich bestand ein bisschen mehr darauf, dass schließlich ich sie kaufte, worüber sie dann auch schon sehr bald sehr froh sein sollte. Es ist nicht immer falsch, auf seine Mutter zu hören. Ich trug meine Sandalen alles in allem vielleicht einen Tag lang, und hätte ohne weiteres auf sie verzichten können; Katerina lief ab etwa dem ersten Weg-Drittel nur noch in Sandalen durch Italien, wozu gesagt werden muss, dass die Wege das durchaus zulassen. Das ist ja nicht überall so. Jedenfalls: Ohne diese Sandalen hätte meine Tochter auf ihren geschundenen Füßen irgendwann gar nicht weiter laufen können, und wir hätten eine mehrtägige Pause einlegen müssen, wie andere, blasengeplagte Fernwanderer das machen. Haben wir uns sagen lassen. Übrigens trug Katerina ihre Sandalen mit Socken. Geniert hat sie sich dafür nicht sehr lange – derlei Nebensächlichkeiten haben irgendwann keine Bedeutung mehr, nicht einmal für mich, die ich sonst sehr streng bin in Sachen „Socken in Sandalen“ (geht gar nicht. Aber manchmal muss es eben doch).

Ich hatte mir, im Gegensatz zu Katerina, kurz vor dem Start noch eine sorgfältige, professionelle Fußpflege verordnet. Mensch pflegt ja ihre Füße nicht nur der Ästhetik wegen, sag(t)e ich mir, und ja, ich bin überzeugt, auch meine Fußpflegerin hat sehr dazu beigetragen, dass ich von den üblichsten Wanderer-Fußproblemen verschont blieb. Sehr geholfen und – sie, sehr wohl, vermute ich – die unvermeidlichen Belastungs-Schmerzen gelindert hat auch das sorgfältige, abendliche Gehhilfen-Einbalsamieren mit Gehwol-Fußcreme. Man unterschätze nie die Wirkung solcher einfachen Dinge! Wie gut diese schlichte Creme tat merkte ich erst, als die Tube leer war und die Apothekerinnen nur verständnislos blickten, wenn ich nach der Marke „Gerlach“ oder „Gehwol“ fragte. Es ging auch ohne Gehwol-Fußcreme, wohlgemerkt, aber besser war’s mit. Eine Creme der Firma Just übrigens, die ich auch eingepackt hatte, bescherte mir einen heftigen Ausschlag und ein taubes Gefühl (Nervenenden getötet, wie ich nach der Heimkehr von meinem Hausarzt erfuhr) unter der Haut. Es dauerte etliche (bange!) Tage, bis ich begriffen hatte, dass der Ausschlag NICHT von den neuen Schuhen oder Socken oder sonst einer Chemikalie herrührte, und ich also unsere Tour nicht vorzeitig abbrechen musste, sondern dass es die Just-Creme war, die meinem System nicht behagte.

Wie gesagt: Den Füßen gebührt außerordentliche Achtsamkeit. Wann immer sich ein Schmerz zeigte, und sei er noch so klein gewesen, gewährte ich ihm so viel Aufmerksamkeit, wie ich nur konnte. Manchmal half es schon, den Schuh anders zu schnüren – hier fester, dort lockerer, um den Druck und somit die Belastung anders zu verteilen und den aufkeimenden Schmerz zu bannen, noch bevor er sich festsetzen konnte; manchmal wurde vorsorglich abgeklebt (dicke Rolle weißes Hansaplast Leukotape, lieber breit als schmal, einpacken – es lohnt sich; das Zeug ist sehr vielfältig einsetzbar, bewahrte unter anderem auch unseren Reiseführer vor dem Auseinanderfallen!). Katerina hingegen wollte ihre eigenen Erfahrungen machen, und hatte irgendwann ihre Füße mit Compeed Blasenpflaster (ich habe ein Vermögen dafür ausgegeben, aber die Investition keine Sekunde bereut) zugepflastert, und die Compeed-Pflaster wiederum mit Leukotape gesichert. Er tut mir jetzt noch weh, der bloße Gedanke daran, aber: Sie wollte es so. Und es ging ja, offensichtlich, und recht gut, denn meine Tochter hatte, mit sehr wenigen Ausnahmen, sehr gute Laune.

Bevor ich’s vergesse: Wir hatten je drei Paar „professionelle“ Socken – zwei Paar leichtere Lauf- und ein Paar schwerere Wandersocken – dabei, und haben sie fleißig gewechselt. Es ist nicht auszuschließen,  dass diese Maßnahme, bei mir zumal, auch geholfen haben könnte, Druck- und Scheuerstellen vorzubeugen.

Was mir hingegen sehr wohl Schmerzen verursachte, war ein Fersensporn, der mich seit einigen Jahren in unregelmäßigen Abständen quält. Der Schmerz war in den ersten Tagen unablässig da, ohne sich allerdings richtig Bahn zu brechen. Das konnte ich nicht zulassen. Und zumal ich mir einbilde, das Lautwerden des Fersensporns hat etwas mit mehr oder weniger Dehnen zu tun, habe ich fleißig gedehnt, wann und wo immer ich konnte, dazu aber auch die Chemiekeule aka „Voltaren Gel“ nicht verschmäht. Irgendwann hat der Schmerz dann aufgegeben. Voltaren Gel verdient übrigens ein eigenes Kapitel, wir hatten stets die Familiengröße griffbereit im Rucksack und sind großzügig damit umgegangen.

Und ja, natürlich, an manchen Abenden taten die Füße fürchterlich weh, ich denke da an so manchen steinigen oder holprigen Weg, auf dem am späten Nachmittag und für müde Wandererinnen sprichwörtlich jeder Schritt eine Qual war, auch ohne Fersensporn und/oder Blasen – am liebsten wäre ich oft auf den Händen weiter gelaufen, wenn ich’s denn gekonnt hätte. An solchen Tagen hätte ich Stein und Bein geschworen, dass ich unmöglich schon am nächsten Morgen wieder sollte weiter gehen können, auf diesen meinen Füßen. Aber ich konnte, und wie – und war schwer beeindruckt – bin es noch -, wie schnell und wie gründlich ein Mensch sich erholt, in nur einer einzigen Nacht.

An anderen Tagen hingegen war von müden Füßen keine Spur; was den Unterschied macht(e), weiß ich bis heute nicht. Aber jedenfalls, trotzdem und immer war es außerordentlich angenehm, irgendwo anzukommen, den Rucksack abzulegen, und die Füße für ein Weilchen ruhen zu lassen.

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