Er war uns auch tatsächlich ein treuer, und guter, Begleiter; anfangs, als die Unsicherheit noch groß war, hatten wir ihn ständig in der Hand, und unsere Nasen drin. So sieht er auch aus, meine ich: Wie ein gutes, gern gelesenes (strapazierfähiges!) Buch. Aber schon bald wurden wir lässiger, und lasen – meist am Vorabend – hauptsächlich darin, um uns einen Überblick über die Strecke des nächsten Tages zu verschaffen. Tagsüber steckte das Buch dann meist, griffbereit zwar, im Rucksack, und wurde nur hervor geholt, wenn uns Zweifel befielen (das kam vor, und gar nicht selten).

Diese „strategische“ Planung am Vorabend war uns eine große Hilfe, und Beruhigung: Wir justierten uns entsprechend des beschriebenen Schwierigkeitsgrades und zu erwartender kritischer Stellen,  erkundigten uns ggf. nach Alternativen und/oder Varianten (für uns zum Beispiel, die wir im frühen Frühjahr unterwegs waren, stellten unpassierbare Furten ein paar Mal unüberwindliche Hindernisse dar, mit daraus resultierendem Zwang zu oft beachtlichen Umwegen; solche – eigentlich, unter normalen Umständen – Kleinigkeiten werden schnell zu beträchtlichen Hürden, unter den außergewöhnlichen Umständen einer Fernwanderung), und passten den Zeitpunkt des Aufbruchs an (früher aufstehen als „normal“? länger schlafen als „normal“? Als „normal“ hatte meine innere Wächterin schon bald sieben Uhr als Aufwachzeit zuverlässig programmiert. Von da an benötigten wir noch ca. eine knappe Stunde, bis wir und unsere Rucksäcke startbereit waren). Weitere wichtige Punkte, deren präventive Klärung ruhigen und erholsamen Schlaf sehr förderten,  waren z. B.  jene nach dem Vorhandensein von Verpflegungs-Möglichkeiten und – noch wichtiger – Wasser-Tankstellen entlang der Strecke.

Nicht zuletzt war es mir persönlich sehr wichtig zu wissen, ob  am Ende des Tages nur eine (Pilger-)Herberge oder noch andere Übernachtungsmöglichkeiten auf uns warteten, und wenn ja, wie viele, und welche. Gegenüber den (Pilger-) Herbergen hegten wir, seit S. Cristina Bissone, eine starke Abneigung.

Wir waren übrigens, glaube ich, die einzigen, die mit einem solchen Führer unterwegs waren. Die anderen Wanderer bzw. Pilger, denen wir begegnet waren, stützten sich großteils auf nichts anderes als die Wegmarkierung, und die Pilgerherbergen, manche auf ganz normale Wanderkarten, aber jedenfalls auch und ausschließlich auf die Pilgerherbergen. Nur ein fernwanderungserfahrenes Paar aus der Schweiz, mit dem wir im (sehr angenehmen) B&B „La Casa dei nonni“ in Berceto beim Frühstück zusammen getroffen waren, wanderten mit der Unterstützung von „Komoot„, und lobten es in den höchsten Tönen.

Wir luden uns dann zwar Komoot auf die mitgeführten mobilen Endgeräte, blieben aber letztlich unserem „klassischen“ Führer treu, und haben das nicht bereut, im praktischen Sinne nicht, und im emotionalen schon gar nicht: Das malträtierte Büchlein liegt seit unserer Rückkehr an meinem Arbeitsplatz, immer im Blickfeld, und erinnert mich still, aber beständig an eine ganze, sehr lange Kette von schönsten Tagen in meinem Leben.

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