Als ich heute auf der Völser Straße so vor mich hin fuhr, dachte ich daran, wie wir letztes Jahr um etwa diese Jahreszeit, minus vielleicht 1,5 Monate, eine sehr ähnliche Straße hoch gelaufen waren, meine Tochter und ich. Ich hatte einen 16-kg-Rucksack im Handgepäck, Katerina schleppte etwa zwei oder drei Kilo weniger mit sich rum. Im Nachhinein und aus heutiger Sicht finde ich das unfassbar – allein der Gedanke, eine Völser Straße zu Fuß zu bewältigen, scheint mir absurd.

Und doch: So war es. Ich habe übrigens gerade eben die Distanzen verglichen und gefunden: Ja, die Strecken sind gleich lang, plusminus acht Kilometer, mit dem Unterschied allein, dass die Völser Straße großteils im Schatten grüner Bäume verläuft, während jene nach Radicofani völlig der Sonne ausgesetzt ist. Zu unserem großen Glück waren wir früh im Jahr unterwegs, hatten ausgezeichnetes Wanderwetter, sonnig, nicht übermäßig heiß, aber jedenfalls warm genug, als dass wir uns über jeden kühlenden Luftzug freuten wie ein Kind vor dem Lichterbaum zu Weihnachten. Habe ich’s schon mal gesagt, dass kaum ein Glück größer ist als jenes, das in eine fährt, wenn der Himmel einen kühlen Luftzug schickt, sanft wie ein Hauch, während man angestrengt vor sich hinschwitzt? Ja.

So unglaublich mir also aus heutiger Sicht scheinen mag, dass ein Mensch, der halbwegs bei Verstand ist, eine solche Straße und eine solche Entfernung zu Fuß zurück legen will (!), so sicher weiß ich: Es ist halt so, auf einer solchen Wanderreise, dass dir das Gehen schon sehr bald zum natürlichen Zustand wird, und auch der 16-kg-Rucksack ist schon sehr bald nicht mehr Last, sondern einfach ein Teil des Selbst.

Jener Tag also, von S. Quirico d’Orcia nach Radicofani, war einer der schwersten, vielleicht gar die längste Etappe (33,1 km). Ich weiß noch sehr gut, wie wir am Morgen aus S. Quirico hinaus liefen, und bald auf das Grüppchen von drei Männern trafen, denen wir schön öfters begegnet waren (es geht gar nicht anders, auf einer solchen Reise, weil ja alle den gleichen Weg haben, bis sich jemand entweder absetzt oder zurück bleibt) – richtigen Pilgern, es war ihnen sehr ernst damit -, die mit laaaangem Arm auf eine Art Burg zeigten, in weiter Ferne, wahrnehmbar nur als dunkler Fleck ganz hinten am Horizont, hoch oben auf einem steilen Hügel, die Landschaft weit überragend, und sie sagten, dort drüben werden wir heute Abend sein.

20140410_151935Meine Tochter und ich haben übrigens in San Quirico d’Orcia sehr hübsch übernachtet, in einem der zahlreichen „Bed & Breakfast“ in der alten, zentralen Straße: Wenige Zimmer, keins wie das andere, sehr hübsch und mit viel Geschmack und Liebe zum Detail eingerichtet. Sogar das Bad sowie dessen und überhaupt die Sauberkeit der Räumlichkeiten hielten heimischen Standards mehr als nur Stand. Ich weiß hingegen nicht mehr, wo wir zu Abend gegessen haben – das Lokal bzw. seine Küche hat also keinen übermächtigen Eindruck in mir hinterlassen. Während die Bar, in der wir unser Frühstück einnahmen – meine Lieblings-Mahlzeit, Cappuccino, Brioche, und meist das Gleiche nochmal – von einer blonden „Ausländerin“ aus dem Osten geführt wurde, die den Laden augenscheinlich erst vor kurzem übernommen hatte, denn sie hatte ihn gar nicht im Griff, so wenig, dass ich mir Sorgen machte, ob sie die Saison wohl überstehen würde, wenn sie so weitermachte. Sie war allerdings die einzige, die wir unmittelbar ausmachen konnten, in der Straße, die um die Tageszeit schon geöffnet hatte. Denn wir waren früh aufgebrochen, früher als sonst, in Anbetracht des großen Wegstücks.

Wie gesagt: Es schien mir schwer fassbar, dass wir die Distanz, die mein Auge erfasste, zu Fuß zurück legen würden, an einem einzigen Tag; diese weite Ferne zu überwinden, ohne wie auch immer geartete (technische oder nicht) Unterstützung, schien mir mehr als nur irreal. (Es ist übrigens für den Geist oder die Wandererinnenmoral eher negativ, wenn das Ziel stets irgendwie im Blickfeld herumhängt, man aber nie wirklich das Gefühl hat, es würde näher kommen, so sehr man sich auch darauf zu bewegen mag.) Aber vorerst erreichten wir Bagno Vignoni, ein unwirklich hübscher Ort, ganz friedlich und still (am Morgen jedenfalls, und im frühen Frühjahr. Später, sowohl am Tag als auch in der Saison, geht’s wahrscheinlich um einiges quirliger zu). 2014-04-11 09.30.55Meine Tochter wäre gern ein paar Tage geblieben (ich auch), und schaute ein bisschen beleidigt, als ich ihrem Wunsch nicht Folge leistete. Wenn ich dieselbe Reise noch einmal machen würde, wären zwei bis drei Tage in Bagno Vignoni so sicher wie das Amen in der Kirche. Dieses Mal aber drängte ich – schweren Herzens – auf Weiterreise, denn wir hatten ja – leider – nicht ewig Zeit (auch das würde ich nächstes Mal anders machen) und jedenfalls noch ein stattliches Stück Wegs vor uns.

Vielleicht war’s mein Unterbewusstsein, das mich hieß, mein Handy in einem kleinen Laden am Ortsausgang liegen zu lassen. Und vielleicht war’s dasselbe Unterbewusstsein, allerdings seine vernünftige Hälfte, das mich diese Dummheit spät – wir waren den kleinen Berg  schon hinab gestiegen und hatten die Brücke über den Fluss Orcia schon überquert -, aber doch reichlich früh genug – zurücklaufen war eine Sache von max. 20 Minuten – merken ließ. Trotzdem: Am schwersten Tag der Wanderreise braucht’s keine Extra-Beschwernisse, und Hindernisse auch nicht. Bei dieser Gelegenheit übrigens erfuhr ich ausgiebig, wie leicht und beschwingt es sich doch ohne Rucksack – denn der blieb natürlich bei meiner Tochter im Tal, hinter der schönen Brücke – einen Berg hinan- und hinabspurtet.

Ja, so war das, und nachdem wir also an diesem Tag alle Hindernisse, die inneren und die äußeren, überwunden und an die 25 km durch die hügelige Toskana gelaufen waren, ein paar gar nicht trockene Furten mit eiskaltem Wasser durchwatet und auf unserem Weg ein Schweizer Pärchen getroffen und ein bisschen kennen gelernt hatten, saßen wir am späteren Nachmittag in der – zum Glück geöffneten – Bar eines Hotels mit zwei Sternen am Fuß des Berges, auf dessen höchstem Punkt unser heutiges Tagesziel lag. 8 km zügig bergan verlaufender Straße lagen noch vor uns. Noch heute entringt sich mir beim Gedanken daran ein tiefer Seufzer. Wir waren müde, meine Tochter hatte einmal mehr ihre armen Füße abkleben müssen, wir beide den ganzen Tag nichts „Gscheites“ gegessen. Das macht sich bemerkbar, oh ja, in der körperlichen und geistigen Verfassung. Dieser eh schon schwere Tag war einer der ganz wenigen, an dem auf der ganzen, langen Strecke kein Restaurant, keine Trattoria, keine Osteria, sondern nur und rein überhaupt: gar nichts zu finden gewesen war, mit etwas anständigem Essbaren drin. Nur in einer hässlich anmutenden „Satelliten“-Schlaf-Stadt irgendwo im Sienesischen Hinterland hätten wir, nach längerem Herumfragen (kaum Menschen in den Straßen…), Herumsuchen und Herumirren (so etwas ist NICHT lustig, wenn man seit 25 Tagen „auf den Beinen“ und unterwegs ist, und an diesem Tag einen 33-km-Marsch absolvieren will, mit nicht unbeträchtlichen Höhenunterschieden) eine Pizzeria al taglio gefunden, die aber gerade zu hatte, und dann zu unserer enormen Freude einen Supermarkt (per modo di dire… in Wahrheit war’s ein ziemlich desolates Warenlager), in dessen Nachbarschaft – noch mehr Freude! – sich ein schmieriges Männer-Kaschemmchen versteckt hielt, dessen Wirt wohl noch nie so viel Kundschaft auf einmal gesehen hatte, denn er wurde ganz hektisch, erst recht, als bald nach uns die drei Pilger herein strömten und mit uns zusammen dem Wirt vermutlich die Jahresspitze an Umsatz bescherten. Ja, und an den schmierigen Tischen dieses Wirts im übelsten Wortsinn ließen wir uns dankbar nieder – sitzen! – und verspeisten: Pizza al taglio, die recht gut schmeckte. Den Rest verdrängte ich geflissentlich. Ja, so ist das, man wird genügsam.

Als wir dann, viele Stunden später, erneut in einer Bar saßen, einer zivilisierteren, erneut vor einem belegten Brot (frisches Brot! frisch belegt!), einigten wir uns letztlich doch darauf, die Sache zu Ende zu bringen, und den Rest des Weges auch noch zu schaffen. 8 Kilometer sind nicht wirklich viele, wenn man in Größenordnungen von 20-und-mehr gewohnt ist zu denken, aber dann doch wieder, wenn frau an diesem Tag schon 25 gelaufen ist. Aber wir hatten beide keine Lust auf ein 2-Sterne-Hotel im sienesischen Hinterland und ließen uns in dieser Unlust auch vom Inhaber nicht beirren, der uns eindringlich warnte, der Weg sei noch sehr weit, und sehr schwer. Die Schweizer übrigens blieben dort. PS. Ein bisschen Sorge hatte ich schon, denn es war schon recht spät, und die Tage noch nicht wirklich lang. Aber ich sagte mir, umdrehen geht immer, und dort gibt’s dieses Hotel. Einen Plan B sollte man im Rücken haben, denke ich, wenn der Ausgang des Tages unsicher ist.

Wir aber, ha! Berglerinnen und geh-gewohnt, zogen zügig den Berg hinan, als hätten wir eine Lokomotive im Rücken. Wenn ich eines gelernt habe, auf dieser Reise, dann ist es: Alles Kopfsache. Was der Kopf einstellt, führt der Körper aus. Der Kopf geht, der Rest des Körpers ist Mitläufer. Die armen Füße meiner Tochter freuten sich über den glatten Straßenbelag – es gab keine Alternative zu dieser Gottseidank kaum befahrenen Straße, sonst hätte ich jene gewählt, Straßengehen war mir der reinste Terror – und wir kamen zügig voran, bis wenige Kilometer vor Ende, als uns ein freundlicher alter Schäfer aus seinem Auto, das er am Straßenrand geparkt hatte (keine Ahnung, wo er seine Schafe abgestellt hatte), nach rechts hinein winkte, auf einen Waldweg, und uns bedeutete, dieser sei der richtige Weg. Meine Tochter wird’s ihm nie verzeihen – sie litt heftig auf diesem letzten, steilen, schlechten, steinigen Wegstück, und fluchte dem guten Alten das Kreuz ab, wie wir zu sagen pflegen. Ich hatte große Mühe, sie zu besänftigen, und sie davon abzuhalten, nochmal zurück zu laufen und wieder auf die Straße einzubiegen.

Dann waren wir angekommen, in dem düsteren kleinen Ort auf seinen steilen Klippen, als uns auch schon ein Vertreter der örtlichen Kirche willkommen hieß, mit der Frage ob wir eine Herberge suchen. Aber das ist eine eigene Geschichte.

PS. Das Beitragsbild zeigt Radicofani und stammt von den Seiten von „Mondo del Gusto (Radicofani)„.

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