Unterdrückte Mehrheit

Seit ein paar Tagen zirkuliert ein Kurzfilm im Internet, ein Film, in dem mithilfe des so genannten „gender swap“ sehr direkt vermittelt wird, was es heißt, Frau zu sein, mitten in Europa, im Jahre 2014. Gestern war der Film mit dem Titel „Majorité Opprimé“, zu deutsch: Unterdrückte Mehrheit, auch bei „Zeit Online“ angekommen, überschrieben mit „Das Matriarchat grapscht zurück„. Den Titel finde ich recht unglücklich gewählt, der Begleittext ist auch nicht wirklich auf Zeit-Niveau – aber wie immer sind die User-Kommentare ziemlich aufschlussreich.

Aber hier erst Mal der Film:

Mich hat er ziemlich bedrückt, ich gebe es zu, weniger wegen der Gewaltszene/n (darauf komme ich noch zurück), als vielmehr wegen der vielen so genannten „Kleinigkeiten“, die unsereine schon gar nicht mehr richtig wahrnimmt, weil so sehr daran gewöhnt; der Film holt sie aus den Tiefen des Unbewussten. Ich kann mir aber andererseits sehr gut vorstellen, dass männliche Betrachter diese „Kleinigkeiten“ gar nicht erst empfinden (als Gewalt erkennen), und dass, wenn eine Frau sie beklagt oder sich dagegen (ver-)wehrt, Sätze wie „du mit deinem feministischen Quatsch“ aus dem Repertoire gekramt werden. Ganz am Anfang zum Beispiel, die Szene, in der die Nachbarin ihren Zweier-Monolog am Müllcontainer  mit abschätzigem Blick + herablassendem Getue + den Worten „aber vielleicht sollte ich doch lieber mit ihrer Frau reden“ abschließt. Kennen wir, zuhauf. Männer vermutlich nicht – wie sollen sie dieses abwertende Verhalten also wahrnehmen, oder gar verstehen?

À propos verstehen: Sollte die männliche Minderheit nicht endlich anerkennen,  dass Frauen Dinge anders empfinden, anders sehen und auffassen als Männer das tun? Ich bin überzeugt, dass Gleichberechtigung und Gleichstellung erst dann erreicht sein werden, wenn Männer nicht (mehr) „verstehen“ und wir nicht (mehr) erklären müssen, warum dieses oder jenes  Verhalten für unsereine verletzend ist – sie müssen es nur einfach anerkennen und danach handeln. Es ist erschreckend, dass und wie sehr wir uns immer wieder für unser Sein, für unsere Art, für unser Nicht-Sein und für unsere Anders-Art rechtfertigen und erklären müssen. Denn: Der Mann ist nicht der Maßstab, an dem wir uns messen müssen.

Ein weiteres Beispiel im „harmloseren“ Sinne ist jene Einstellung im Film, in der der Protagonist auf dem Fahrrad an seinem „Ausschnitt“ herumzupft und ihn schließt, um das Dekolleté – typische, unbewusste Frauenbewegung – nicht gar so offensichtlich zu machen. Ja, so geht das, im Leben der meisten Frauen, von früh bis spät und ohne Unterlass, und wir sind so sehr daran gewöhnt, dass wir sie selbst gar nicht wahrnehmen, sie selbst gar nicht erkennen, diese und ähnliche Gesten des Schutzes vor anzüglichen Blicken, vor möglicher und allgegenwärtiger Gewalt, die wir ja vielleicht herausfordern (!) könnten, als Geste, wenn wir so wollen, des Einverständnisses, dass „der Mann“ sich uns gegenüber Dinge herausnimmt und das auch darf, mit denen wir nicht einverstanden sind.

Und wenn’s dann als Rechtfertigung heißt – gern und oft, auch aus Frauenmund – ja aber, viele Frauen mögen das doch, und nicht alle empfinden es als Belästigung, wenn Männer ihr ins Dekolleté starren, oder auf den Hintern, oder ihr hinterher pfeifen, dann sei das zugestanden – mit dem Zusatz allerdings, dass in dem Falle doch wohl erst Mal angefragt und geklärt werden müsste, ob diese Frau, der Mann jetzt und gleich ins Dekolleté zu starren gedenkt, zu der Frauengruppe gehört, die solches Tun schätzt. Oder?

Ah ja, bei dieser Gelegenheit noch schnell ein paar Gedanken zu „Frauenparkplätzen“: Ich war heftig schockiert, als ich lernte, dass es diese keineswegs gibt, weil wir nicht einparken können, sondern als Schutz- und Vorsichtsmaßnahme. Denn das heißt doch nicht mehr und nicht weniger, als dass die Gesellschaft stillschweigend akzeptiert und anerkennt, dass Männer sich scheinbar das Recht (!) anmaßen, sich von Frauen zu nehmen, was Frauen ihnen nicht freiwillig zu geben bereit sind (dieselbe Grundströmung glaube ich übrigens im Phänomen der Prostitution zu erkennen – auch Bezahlung kann durchaus eine Form der Vergewaltigung sein). In einer gesunden und gerechten Gesellschaft braucht es keine Frauenparkplätze, weil in ihr auch der letzte Mann verstanden und verinnerlicht hat, dass er kein wie auch immer geartetes Recht hat über eine Frau. Daran haben wir zu arbeiten.

Womit wir auch schon beim markantesten Thema im eingangs erwähnten Film wären – der Vergewaltigungs- oder besser: den „üblichen“ Gewaltszenen, denen also, die unmittelbar als solche erkannt werden, auch von Männern, wobei „erkannt“ noch längst nicht gleich „anerkannt“ ist. Ich glaube übrigens, dass sie sogar die einzige „Gewalt“-Szene ist, die von Männern erkannt und aufgegriffen wird. Auch das sollte uns nachdenklich machen. Was gleichermaßen auffällt ist, dass verhältnismäßig viele Männer dazu  neigen, das Thema auf ihre eigene Seite zu ziehen, indem sie monieren, Männer seien schließlich auch Opfer von weiblicher Gewalt. Das mag sein – es ändert aber wenig am Tatbestand der Gewalt an Frauen.

Ja, ich gestehe gern, dass ich mich mit dem Gedanken weiblicher Gewalt am Mann eher schwer tue, will aber keineswegs bestreiten, dass dem so ist oder zumindest: Schon so sein wird. Fakt ist aber doch auch, dass Männer uns Frauen an körperlicher Kraft meist um Längen überlegen sind: Männer sind meist größer als Frauen, sie sind fast immer kräftiger als Frauen und sie sind meist sogar schneller als Frauen – all das aus physiologischen Gründen, wie sie übrigens selbst gern anführen, allerdings in anderen Zusammenhängen. Und ja, ich gehe also davon aus, dass ein Mann imstande ist, sich gegen einen tätlichen Angriff einer Frau zur Wehr zu setzen und damit auch Erfolg haben dürfte.

Umgekehrt ist das leider keineswegs so.

Und natürlich muss ich bei dieser Gelegenheit daran erinnern, dass zu allen Zeiten und in allen Kulturen und grundsätzlich Gewalt eines körperlich Überlegenen an einer Schwächeren als besonders verabscheuungswürdig gilt. Auch diese Tatsache wird gern unterschlagen.

So lange es also in den Parkhäusern dieser Welt keine eigens gekennzeichneten „Männerparkplätze“ gibt, ausgewiesen vielleicht mit hellblauer Farbe, so lange denke ich, sollte das Thema der Gewalt an Frauen vielleicht einfach die Priorität genießen, die ihm zusteht – nicht nur, weil wir (auch hier): die Mehrheit sind.

Nachtrag: Hier noch zwei Texte zum selben Thema – schon beeindruckend, wie viele Perspektiven und Lesarten ein und derselbe (sehr kurze) Film hergibt. Ganz besonders beschäftigt mich persönlich, dass sich die allermeisten Menschen am längsten und am intensivsten mit der Vergewaltigungsszene und ihren Folgen beschäftigen – mich hat die am wenigsten berührt und/oder aufgerüttelt. Aber hier nun der Text von Katrin Gottschalk für „Missy Magazine„, und ein weiterer von Mohamed Amjahid für Zeit Online: Unter dem Titel „Feminismus nur für Weiße“ beschreibt der Autor die rassistische Komponente, die er im Film sieht, und den „rassistischen Haken“, den er ihm gibt, und warum.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s