Von der Seligkeit im Fußgewand

Meine Tochter ist, im Gegensatz zu mir, eine „Potschn“-Trägerin  und –liebhaberin. Ich konnte mich mit Hausschuhen nie recht anfreunden, sie kamen mir immer fürchterlich spießig und bieder vor. Hausschuhe. Das einzige Paar, das ich mir kaufte und an das ich mich mit wehem Herzen erinnere – sie haben sich längst in Luft aufgelöst -, war ein Paar originaler Ugg-Boots aus Australien, zu einer Zeit, als die noch kein Mensch trug. Sie waren herrlich warm und hatten sehr wenig bis gar nichts von einem „Hausschuh“. Vielleicht war die Gummisohle dran Schuld.

Meine Tochter ist da anders gestrickt, was ich zum ersten Mal realisierte, als sie mir aus Irland – auf Klassenfahrt – eine SMS schrieb und mir darin mitteilte, sie habe sich „zwei Patschen“ gekauft. Ich hege seither die Vermutung, dass Hausschuhe einen sehr direkten Draht zu Herz und Gemüt haben müssen. Jedenfalls strahlt sie noch heute, als bald Zwanzigjährige, über das ganze Gesicht, wenn ihr Vater ihr ein paar Hausschuhe schenkt, denn diese Aufgabe steht in seinem Repertoire. Er versorgt sie mit Potschn.

KathreinmarktNun heißt meine Tochter Katerina, und hat also Namenstag, wenn in Klausen der große „Kathreinmorkt“ über die Bühne geht, ein „Event“, das Katerinas Vater sich nur ungern nehmen lässt, wie sich ja sehr viele Südtiroler die großen Märkte nur ungern nehmen lassen. So ein Kathreinmarkt ist aber übrigens keine kleine Sache, es gibt ihn  im gesamten (südlichen) Alpenraum, also von Bayern über Österreich bis herunter nach Südtirol. „St. Kathrein stellt Pflug und Tanz ein“, heißt es im Volksmund, was so viel heißt, dass bis zum Ehrentag der Hl. Katharina (von Alexandrien, denn es gibt auch eine Katharina von Siena), also kurz vor Adventbeginn, noch einmal kräftig gefeiert werden durfte – danach hatte Ruhe zu herrschen in den deutschsprachigen Alpen. Das ist heute ein bisschen anders: Die traditionellen Kathreinmärkte sind so gut wie verschwunden, an ihre Stelle die „modischen“ (modern sind sie nicht wirklich) „Christkindlmärkte“ getreten.

Füße warm, alles warm

Aber ich wollte ja über „Potschn“ sprechen, und komme also nicht umhin, zu verraten, was der Vater meiner Tochter ihr vom diesjährigen Kathreinmarkt in Klausen mitgebracht hatte, zum Namenstag. Raten Sie mal. Genau – ein Paar „Potschn“ – aber dieses Mal ein Paar von denen, die sich auch so nennen dürfen, solche „col fiocco“, auf gut deutsch: Sie sind, ehrlich gesagt, ziemlich hässlich, weil recht unförmig,  und also absolut authentisch (jaja, ich weiß, aber hin und wieder muss es sein), denn sie tun kein bisschen so, als wollten sie elegante oder moderne oder sonstwas Schühchen sein. Sie sind, was sie sind, nicht mehr und nicht weniger, ganz im Sinne der „form follows function“-Design-Maxime, die unsere Ahnen schon kannten, als es noch längst keine Architekten gab und Design schon gar nicht. Und sie kommen aus dem Sarntal, wo ja – ein bisschen Neid würde jetzt wohl mitschwingen in meiner Stimme, wenn dieser ein gesprochener Text wäre – sehr vieles herkommt, was noch einigermaßen bodenständig und ehrlich ist, und heißen dort „Toppar“, gesprochen mit dem offenen „o“ wie z. B. in „Sonne“.

sarner topparDiese „Toppar“ also bestehen, vom Scheitel bis zur Sohle, aus nichts anderem als gewalkter Wolle vom einheimischen und also zwangsweise glücklichen Schaf. Einzige Ausnahme ist die farbige Borte, mit der der Einstieg in den Toppar aufgehübscht wird,  in rot, in grün, in pink, und jedenfalls in weichem und luxuriösem Samt. Mehr Luxus – im handelsüblichen Sinne – ist da aber nicht dran, an einem Sarner Toppar. Der wahre Luxus, der diesen bescheidenen Geschöpfen innewohnt, ist erst auf den zweiten und dritten Blick zu erkennen bzw. zu erfühlen, als da wäre a) die schiere Handarbeit im Sinne von „genäht und nicht(s) geklebt“ und b) ihre unglaubliche Wärmeleistung. Es ist unfassbar: Die Dinger sind die reinsten Öfchen und wärmen nicht nur die Füße, nein, sie wärmen das Herz und die Seele gleich mit. Wer das kann, darf ruhig ein bisschen hässlich und unförmig anzusehen sein.

Wie gesagt, diese Wunderdinger bestehen aus gewalkter/gefilzter Wolle, was den Vater meiner Tochter – er stammt von einem Bauernhof im Grödner Tal – veranlasste, uns zu erzählen, wie seine Mutter die alten Mäntel der Familie immer ins Sarntal zu bringen pflegte, wo sie zu „Potschn“ umgearbeitet wurden. Heute nennt sich das „upcycling“, und wir tun  aus Umweltbewusstsein und Freude am Er-Schaffen, was einst aus schierer Sparsamkeit und natürlich: Not geschah. Interessant übrigens dass, was wirklich gut ist und aus diesem Grunde die Mühlen der Zeit gern und oft unbeschadet überdauert, meist einen solchen oder sehr ähnlichen Hintergrund hat (z. B. fast alle Nationalgerichte…).

So war das also, als ich nach 50 Jahren des Südtirolerin-Seins zum ersten Mal Bekanntschaft machte mit einem klassischen Südtiroler Produkt, den Sarner Topparn: Ich bin nachhaltig beeindruckt und inzwischen selbst zur leidenschaftlichen Toppar-Trägerin mutiert. Bleibt zu hoffen, dass ihre Macher sich nie von „der Wirtschaft“ aus dem Konzept bringen lassen und davon abweichen, ihre „Toppar“ herzustellen, wie schon die Alten es taten.

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