Das ist jetzt mal wieder interessant. Schottland, das schon nächstes Jahr unabhängig werden will von der britischen Krone, ist ja immer eines der Lieblingsargumente unserer „Freiheit-für-Südtirol“-Rufer, wenn es darum geht, möglichst vielen von uns eine Loslösung von Italien schmackhaft und dazu glaubhaft zu machen, dass eine solche durchaus möglich wäre. Was die Schotten können, meint z. B. die Süd-Tiroler Freiheit, das kann Südtirol schon lange.

Wer aber, frage ich mich, sagt denn überhaupt, dass die Schotten wissen, was sie da tun? Es sieht nicht wirklich danach aus, aber das hat man uns  noch nie erzählt. Stets wird vielmehr so getan, als wollten alle Schotten – oder zumindest die Loslösungswilligen – ein und dasselbe, als sei man sich dort oben im kühlen Norden einig. Die Wahrheit ist scheinbar aber nicht ganz so einfach.

Tatsächlich erfuhr ich gestern in diesem ZEIT-Artikel von Dingen, über die ich bis heute noch nie gehört hatte: Im bestmöglichen Fall wird uns Südtirolern, die wir bekehrt werden sollen, dieser Teil der schottischen Wahrheit nur ganz leise und hinter vorgehaltener Hand erzählt, im schlimmstmöglichen Fall wird sie uns vorenthalten, dass nämlich ein Teil der Unabhängigkeits-Schotten eine „sanfte“, d. h. eine Teil-Loslösung will, und ein anderer, ein radikalerer Bevölkerungs-Anteil, die völlige Unabhängigkeit. Das kommt dann so daher:

Vorige Woche hat Schottlands First Minister Alex Salmond in einem 670 Seiten starken Weißbuch (Scotlands Future) die Argumente für die Trennung vom Vereinigten Königreich dargelegt. Die Unabhängigkeit sei kein Selbstzweck, erklärt er darin, sondern ein Mittel, aus Schottland ein besseres Land zu machen.

Von den sechs Unionsbanden will er nur eines kappen, das politische. Bleiben sollen die Träger der britischen Krone als Staatsoberhaupt, die Sozialunion, die Währungsunion, die Mitgliedschaft in der EU und der Nato

Jetzt wäre allenfalls noch interessant zu erfahren, wie viele der sezessionswilligen Schotten bei den „Radikalen“ zu finden sind, und wie viele bei den Gemäßigten. Das scheint aus den Umfragen nicht hervor zu gehen, wir erfahren lediglich, dass im Jahr vor der Abstimmung immer noch erst 33 Prozent der Befragten (! man beachte: Ein Umfrage-Ergebnis hat ja meist herzlich wenig gemein mit dem Ergebnis aus der Wahlurne…) Schotten für die Unabhängigkeit sind, dass die Hälfte dagegen und der Rest unentschlossen ist. Es darf aber, meine ich, einigermaßen heftig davon ausgegangen werden, dass gegebenenfalls die „gemäßigte“ Variante zur Abstimmung gelangen wird, wenn es der (gemäßigte) First Minister ist, der (s)ein gemäßigtes Unabhängigkeitsprogramm vorlegt. Radikale sind ja übrigens meist eh – Gottseidank – in der Minderzahl und also scheint mir, wäre es vermutlich klüger, die Schotten reisten nach Südtirol, um sich an unserer Autonomie zu inspirieren, statt umgekehrt.

Schade also, dass von den Südtiroler Unabhängigkeitsbefürwortern – sei es den rechts-, aber auch den linksorientierten – nur die Hälfte der schottischen Wahrheit unter das Südtiroler Volk gebracht wird; ganz korrekt ist das nicht.

Ich verstehe ja übrigens immer noch nicht, wie man sich auch nur oberflächlich einbilden kann, so etwas wie „Unabhängigkeit“ sei in unserem eng verbandelten und nicht immer gut verbrüderten aber jedenfalls sehr global agierenden Europa – von der Welt ganz zu schweigen – überhaupt möglich.

Ah übrigens, da fällt mir ein: Wir haben ja schon Dezember – in Kürze dürfte also das Ergebnis des Unabhängigkeits-„Referendums“ der Süd-Tiroler Freiheit feststehen und bekannt werden. Bleibt zu hoffen, dass dieses leidige Thema dann endlich – und endgültig – vom Südtiroler Tisch sein wird und Eva Klotz, Sven Knoll und ihre Gefolgschaft nicht (mehr) umhin werden können, anzuerkennen und zu akzeptieren, dass ihr Thema kein Thema ist.

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