Diese Feministin! Hinterzieht auch noch Steuern!

Ich weiß jetzt nicht, ob ich es eher bestürzend oder doch „nur“ betrüblich finden soll, wie die breite und schmale Öffentlichkeit auf die Kundmachung der Tatsache, dass Alice Schwarzer nicht nur Feministin, sondern auch noch Steuerhinterzieherin ist, reagiert.

Vorausgeschickt, dass ich Alice Schwarzer nur im Vorübergehen und Vorbeiziehen kennengelernt habe, und also zu wenig weiß über sie, als dass ich mir ein Urteil oder auch nur ein Bild anmaßen dürfte. Ich weiß, was alle wissen, nämlich dass sie eine streitbare Feministin ist. Das nun ist, meines Wissens, kein Beruf, sondern vielmehr eine Einstellung zu einer gesellschaftspolitischen Thematik, oder vielleicht eine Ideologie – hat aber jedenfalls nicht das Geringste mit dem Delikt der Steuerhinterziehung zu tun.

Und doch, da schau an, überschlagen sich seit ein paar Tagen die Zeitungsmeldungen mit Titeln à la „Feministin hinterzieht Steuern“, „Frauenrechtlerin bunkerte Geld in der Schweiz“, und auch auf Facebook lassen die griffigen Fleiß-Bildchen – Memes genannt – nicht lange auf sich warten: „Glaubt, mit einem Gesetz könne man Prostitution verhindern. Hinterzieht Steuern“, lese ich da, über dem müden Gesicht der Frau Schwarzer.

Hä? Und was hat, bitteschön, das Eine mit dem Anderen zu tun?

Nichts, natürlich nicht, nicht das Geringste. Bei Frauen aber, und bei Frauenrechtlerinnen oder noch schlimmer: Feministinnen, ist das anders, und wenn es noch eines Beweises bedurft hätte dafür, dass für Frauen andere Maßstäbe gelten als für Männer: here you go, im Steuerhinterziehungsdelikt der Frau Schwarzer ward er gefunden. Oder hat, um an nur einem Beispiel aufzuzeigen, wie absurd das Ganze ist, die Welt je so etwas gehört wie  „Befürworter der Homo-Ehe hinterzieht Steuern“? Natürlich nicht. Fussballtrainer hinterziehen Steuern, Ministerpräsidenten hinterziehen Steuern, Schauspieler hinterziehen Steuern, und ich weiß nicht, wer noch alles Steuern hinterzieht – sie alle werden dafür, also dafür, dass sie den Staat und damit ihre Mitbürger bestohlen haben, (manchmal) medialen Spießrutenläufen ausgesetzt und (manchmal) gerechter Bestrafung unterzogen.

Wehe aber, die Steuerhinterzieherin hinterzieht nicht nur Steuern, sondern ist dazu noch Feministin. Dann wird sie gleich doppelt bestraft und gebrandmarkt – einmal als Steuerhinterzieherin, und einmal als Feministin.

Ich hatte bis heute stets den eher diffusen, aber immerhin Eindruck, das Wort „Feministin“ beschreibe sehr viel mehr als nur eine  Frau, die sich für die Gleichstellung der Geschlechter stark macht, indem sie sich für die Rechte der Frauen engagiert, dass in der „Feministin“ immer und ausnahmslos eine negative Konnotation mitschwinge. Tatsächlich hört sich „Feministin“ aus den Mündern sehr vieler Menschen an wie ein Schimpfwort, und kein geringes, und aus den Mündern der meisten Menschen wie ein verächtliches, geringschätzendes, abwertendes Wort. Aber noch nie bezeichnete „Feministin“ schlicht und einfach eine Person, die sich für eine benachteiligte Menschengruppe engagiert. Das übrigens dürfte einzigartig sein in der Welt und in ihrer Geschichte – dass nämlich Menschen, die sich für die Rechte ihrer Mitmenschen einsetzen, dafür herabgewürdigt und, im gesellschaftlichen Sinne, bestraft werden. So etwas muss man *ähem* erst mal zuwege bringen.

Die „steuerhinterziehende Feministin“ aber empfinde ich nun doch als recht eindeutiges Indiz dafür, dass der negative Beigeschmack, der dem an und für sich völlig wertfreien Wort „Feministin“ beigemengt wurde (wird), beabsichtigt ist. Wäre ich empfänglich für Verschwörungsfantasien, ich müsste in dieser Feministinnenhatz eine solche vermuten, eine von Männern, die nicht beabsichtigen, sich ihre Weltherrschaft abnehmen oder sich auch nur dreinreden zu lassen, in ihre Geschäfte, die sie so lange und so ungestört nach ureigenem Gutdünken gestalten und abwickeln konnten. Ich bin aber nun mal nicht empfänglich für Verschwörungsfantasien, und so kann ich in dieser niederträchtigen Art der „Verteidigung“ eigener Privilegien und Vormachtstellungen auch beim allerbesten Willen nichts anderes erkennen als eben Niedertracht, und Schmutz.

Höchst interessant übrigens, wie willfährig und wie kritiklos große Teile unserer Gesellschaft – und selbst ihre intelligenteren Mitglieder – sich dieser Gehirnwische unterziehen haben lassen, und wie leicht sie es den Hexenverfolgern unserer Tage machen.

Denn die steuerhinterziehende Feministin ist nicht nur als Steuerhinterzieherin ein verachtenswertes Geschöpf, sondern auch als Feministin, und die Feministin nicht nur als Feministin, sondern auch als Steuerhinterzieherin. Ein perfider Schachzug, nicht wahr? Der erfolgreiche Fußballtrainer, der Steuern hinterzogen hat, wird sein Leben lang der erfolgreiche Fußballtrainer bleiben, und diesem Ruhm und diesem Verdienst wird auch der Steuerhinterzieher keinen Abbruch tun – ich bin sehr gespannt, was von der steuerhinterziehenden Frauenrechtlerin noch übrig bleiben wird, in ein paar Jahren.

Übrigens – ich stehe nicht GANZ allein mit meiner Meinung, dass die Feministin von der Steuerhinterzieherin getrennt gehört: „Der Sturz vom moralischen Matterhorn?“

2 Kommentare

  1. Sehr wahre Worte!
    Ich halte nicht viel von Alice Schwarzer, aber was hier passiert, ist nicht in Ordnung. Noch negativer behaftet als „Feministin“ ist das Wort „Emanze“ – was noch absurder ist, weil mir noch niemand sagen konnte, was Schlechtes daran ist, eine emanzipierte Frau zu sein – in welchem Kontext auch immer.

    1. Ja richtig – ich habe jetzt mal „emanzipiert“ nachgeschlagen:

      „Emanzipation stammt von dem lateinischen emancipare: einen „Sklaven oder erwachsenen Sohn“ aus der mancipatio, der „feierlichen Eigentumserwerbung durch Handauflegen“, in die Eigenständigkeit zu entlassen.

      Im 17./18. Jahrhundert erfolgte eine Bedeutungsverschiebung: Aus dem Akt des Gewährens von Selbstständigkeit wurde eine Aktion gesellschaftlicher und insbesondere politischer Selbstbefreiung (siehe auch Mündigkeit (Philosophie)); Ziel emanzipatorischen Bestrebens ist ein Zugewinn an Freiheit oder Gleichheit, meist durch Kritik an Diskriminierung oder hegemonialen z. B. paternalistischen Strukturen, oder auch die Verringerung von z. B. seelischer, ökonomischer Abhängigkeit, etwa von den Eltern. Heutzutage steht der Begriff häufig synonym für die Frauenemanzipation.“

      Ich würde mir ja emanzipierte Männer wünschen 😉

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