Von Auswanderen. Den eigenen, und anderen

(Diesen Text hatte ich im August 2013 auf „salto.bz“ zum ersten Mal online gestellt.)

Auf Facebook bin ich heute auf ein kleines YouTube-Video aufmerksam geworden, einen Film über unsere Trentiner Schwestern und Brüder, die im vorletzten Jahrhundert nach Brasilien ausgewandert waren, ein paar beeindruckende Bilder übrigens, sie haben die Gezeiten des Lebens überdauert. Wir alle kennen diese Geschichten, nicht wahr, und wir kennen die traurigen Gründe, aus denen diese vielen Menschen ihre Heimat verlassen mussten. Diese armen Teufel waren keineswegs Abenteurer, und es waren auch nicht Fernweh oder die Neugier auf andere Kulturen, die sie von zu Hause fort trieben, sondern die schiere Not, der Hunger, und wahrscheinlich ein Fünkchen Hoffnung auf ein besseres Leben.

Es entzieht sich leider meiner Kenntnis, wie freudig diese zuhause so Glücklosen in Brasilien und anderen Teilen der Welt willkommen geheißen wurden (eine Frage, die sich mir unweigerlich stellt, wenn ich daran denke, wie wir uns manchmal aufführen in Sachen Migranten). Aus früheren Zeiten steigt eine vage Erinnerung an ein „Dreizehnlinden“ – einst Evergreen bei reisefreudigen Tirolern – aus den Tiefen meiner Erinnerungen empor und ich tippe es in Suchmaschine. Tatsächlich, dort wird auch heute noch „deutsch“ gesprochen, tragen Kinder blonde Haare und rote Tirolerhütchen, tanzen Burschen den Schuhplattler und sehen Hotels fast so aus wie bei uns.

Stolz auf Tirol

Aber darüber wollte ich eigentlich gar nicht sprechen, sondern vielmehr davon, mit welcher Begeisterung und welchem Stolz hierzulande, bei den Nachfahren derer, die einst zuhause bleiben durften, von diesen deutschen, diesen Tiroler „Exklaven“ in der Ferne berichtet wird und darüber, mit welchem Stolz diese Menschen an ihrem Tiroler-Sein fest- und ihm die Treue hielten, über Jahrhunderte, stets die ferne Heimat vor Augen und im Sinn, wie sie dem brasilianischen Urwald kleine Tiroler Dörfer mit roten Ziegeldächern abtrotzten und auf dem Kirchplatz vor dem Mini-Dom die Schuhplattler tanzen, stilgerecht in Lederhose und Wadenwärmern. In Brasilien. Da braucht’s schon ein gerüttelt Maß ja was denn eigentlich, um so viel Tirol und Tiroler Heimat zu schaffen, in Ländern, in denen doch ganz andere Sitten herrschen.

Platz wofür?

So weit so gut, möchte man meinen, und es sei jeder gestattet, sich in der Fremde so einzurichten, wie er’s für gut befindet, wo ist auch schließlich das Problem, nicht wahr… wäre da nicht, ja, wäre da nicht dieser kleine, bittere Beigeschmack: Ich kann nämlich gar nicht anders, als mir vorzustellen, wie insbesondere diese unsere heimattreuen Bewunderer jener heimattreuen Auslandstiroler reagieren würden, wenn sich morgen eine mehr oder minder kleine oder große arabische oder nordafrikanische oder pakistanische Auswanderer-Gemeinde entschlösse, irgendwo im abgeschiedenen Hochland eines unserer abgeschiedenen Täler ein arabisches oder afrikanisches Dorf inklusive Mini-Moschee zu errichten, und wenn sich diese Menschen in ihrer angestammten Tracht und mit ihrer angestammten Sprache auf die Südtiroler Plätze und es dort auch noch wagten, stolz zu sein auf ihre Tracht und ihre Sprache.

Irgendwie verstehe ich’s halt einfach nicht, warum bei den einen so hochgelobt was bei den anderen verteufelt wird, oder umgekehrt. Übrigens, da fällt mir ein: So ein Museum, in der die Geschichte der Südtiroler Auswanderer erzählt und für die Nachwelt festgehalten wird, so etwas wie das „Deutsche Auswanderer Haus“ in Bremerhaven, das fehlt doch noch bei uns.

Auf dass wir nie vergessen mögen.

Vom Schweigen

Was bleibt

Ich hatte ein Zuhaus’ (Kleine Völker Europas)

Freies Geläut

 

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