
(Ja, ich weiß, aussehen tut’s grad umgekehrt 🙂 …)
Auf facebook bin ich heute auf ein kleines YouTube-Video aufmerksam geworden, einen Film über unsere Trentiner Schwestern und Brüder, die im vorletzten Jahrhundert nach Brasilien ausgewandert waren, ein paar beeindruckende Bilder übrigens, die sich über die Gezeiten des Lebens gerettet haben. Wir alle kennen diese Geschichten, nicht wahr, und wir kennen die traurigen Gründe, aus denen diese vielen Menschen ihre Heimat verlassen mussten. Diese armen Teufel waren keineswegs Abenteurer, und es waren auch nicht Fernweh oder die Neugier auf andere Kulturen, die sie von zu Hause fort trieben, sondern die schiere Not, der Hunger, und wahrscheinlich ein Fünkchen Hoffnung auf ein besseres Leben. (mehr …)
(Diesen Text hatte ich im August 2013 auf „salto.bz“ zum ersten Mal online gestellt.)
Auf Facebook bin ich heute auf ein kleines YouTube-Video aufmerksam geworden, einen Film über unsere Trentiner Schwestern und Brüder, die im vorletzten Jahrhundert nach Brasilien ausgewandert waren, ein paar beeindruckende Bilder übrigens, sie haben die Gezeiten des Lebens überdauert. Wir alle kennen diese Geschichten, nicht wahr, und wir kennen die traurigen Gründe, aus denen diese vielen Menschen ihre Heimat verlassen mussten. Diese armen Teufel waren keineswegs Abenteurer, und es waren auch nicht Fernweh oder die Neugier auf andere Kulturen, die sie von zu Hause fort trieben, sondern die schiere Not, der Hunger, und wahrscheinlich ein Fünkchen Hoffnung auf ein besseres Leben. (mehr …)
Da hat sich gestern so ein Wachstumsapostel ziemlich bösartig aufgeregt im Tagblatt der Südtiroler, über die Beiträge und die Weltanschauung von Dr. Peter Ortner und andere, ähnlich „weltfremde“ – sagt der Wachstumsapostel – Zeitgenossen
Das ärgert mich noch heute, denn ich mag die Beiträge von Dr. Peter Ortner sehr. Die Denke dieses Mannes ist sehr „slow“, ob er das nun weiß oder nicht. Vermutlich ist er einfach nur Heimatschützer und Traditionalist. Ich bin weder das eine noch das andere, aber unser Land, seine Natur, Kultur und auch die Geschichte mag ich trotzdem sehr. Und ich kann auch gar nicht nachvollziehen, was da „weltfremd“ dran sein soll, wenn einer der Meinung ist, dass irgendwo auch Schluss sein muss mit dem immer-mehr-und-immer-weiter-mit-noch-mehr. Mir jedenfalls ist „slow“ sehr viel sympathischer als „fast“ und ich wage die Behauptung, dass in Wahrheit Wachstumsprediger wie der bösartige Leserbriefschreiber weltfremd sind und in ihrer Entwicklung stehen geblieben.
Die Sache lässt mir keine Ruhe. Seit damals, es ist noch nicht wirklich lange her, als unsere Medien überquollen mit Schreckensnachrichten à la „Prostituierte in Bozen ermordet“. Nur eine Hure, weiter nichts. Tatsächlich beschäftigte man sich sehr ausgiebig und fast ausschließlich mit dem Mörder, mit seiner traurigen Geschichte, mit seinem Werdegang: die konservativen Medien sowieso, aber auch alle anderen, die modernen und die aufgeschlossenen, sie alle liefen zusammen am Schauplatz und hielten einmütig dieselbe Fahne hoch. Dem Mann gaben sie die Titelseiten, ihm räumten sie großzügig Raum ein, alle Welt kennt sein Gesicht und seine Geschichte. Als hätte er so viel Aufmerksamkeit verdient.
Die Prostituierte hingegen, selbst die, fand nur dann Erwähnung, wenn es die Geschichte erforderte. Sie und ihr schäbiger Tod liefen quasi im Nebenprogramm. Niemand, auch keine Frau, fragte nach ihr, weder laut noch leise, fragte, wer sie war, woher sie kam, und warum sie sich am Bozner Boden fremden Männern zum Kauf angeboten, ihr Leben riskiert hatte. Sie war ja nur eine Hure: Diese groteske Botschaft wurde erschreckend einstimmig angenommen, aufgesogen, weitergetragen. Dabei würden doch, möchte man meinen, an den so genannten „Schaltstellen“ der Macht – Medien inklusive – genügend Frauen sitzen, um dort auch wirken zu können. Scheinbar aber hatten auch diese fortgeschrittenen Frauen dem männlichen Weltbild, der männlichen Sicht auf die Dinge, nichts entgegen zu setzen. Fakt ist jedenfalls, dass auch nach bald 100 Jahren Frauenbewegung ein Mann eine Frau töten kann und quasi als Belohnung sämtliche Schlagzeilen in sämtlichen Medien besetzt.
Die Hure aber war ermordet worden, die Frau auch noch totgeschwiegen.
Denn: Die Getötete existierte nicht, nicht als Frau und nicht als Mensch, überhaupt gar nicht. Nur als Hure wurde sie wahrgenommen, und als solche auch nur nebenbei, als Abfallprodukt unserer Gesellschaft, etwas, über das man nicht weiter spricht. Daran änderte sich auch dann noch nichts, als man in einem weiteren Artikel über den Mörder – wiederum ganz und gar beiläufig – erwähnte, dass die getötete Prostituierte Mutter zweier kleiner Kinder war, die sie in einem bitterarmen EU-Land, ich glaube in Bulgarien, zurückgelassen hatte.
Immer noch: Kein Aufschrei, kein Wandel in der Darstellung, nichts. Als sei es die normalste Sache der Welt, dass eine junge Frau ihre Kinder zurück lässt und sich auf der Straße zum Verkauf anbietet. Als sei sie die allein Schuldige, an ihrer Misere, an ihrem Hurendasein, an ihrem schäbigen Tod. Keines dieser so grundsätzlich und so tief diskriminierenden Weltbilder wurde auch nur ansatzweise in Frage gestellt, von keiner Frau, von keinem Emanzenverein, von keiner Feministinnenbewegung. Und das in unserem „emanzipierten“ Europa, in dem Frauen schon längst Hosen tragen… aber immer nur ganz leise, dass bloß die Männer nicht erschrecken.
Und so wundert es auch nicht wirklich, dass dieser Tage im Netz traurige Bildchen zirkulieren, über die neue Armut der Frau; der Begleittext zu diesen Bildchen berichtet, dass seit Ausbruch der „Krise“ in Griechenland die Prostitution um 1.500 Prozent zugenommen hat. Plus eintausendfünfhundert Prozent. Keine Ahnung, wie viele Frauen hinter diesen Prozentsätzen stehen, eins aber ist sicher: Jede davon ist mindestens eine zu viel.
Denn es kann nicht sein, dass im 21. Jahrhundert für so viele Frauen immer noch nur der Weg der Unterwerfung als ein Weg oder, schlimmer noch, als ein Ausweg gesehen wird.